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  • AutorenbildSieglinde Ivo

100 Jahre Orplid Darmstadt










Die Vergangenheit der Freikörperkultur: Eine Bewegung gegen die Prüderie im Deutschen Kaiserreich. Um 1900 empörten Sonnenanbeter, Sozialisten und Germanenschwärmer das prüde Kaiserreich mit ihrer Nacktheitspropaganda. Die konservative Gesellschaft verlangte hochgeschlossene, knöchellange Kleidung. Doch ab 1910 widersetzten sich immer mehr Menschen diesen Normen. Die Anhänger der Nacktkulturbewegung, auch bekannt als Lichtkämpfer und Nudisten, propagierten die unverhüllte Nacktheit im geselligen Leben. In Städten wie München und Berlin badeten sie splitterfasernackt in Seen und setzten sich für die Freikörperkultur ein. Erst 1925 erhielt die Bewegung offiziell den Namen Freikörperkultur (FKK).


Die Nacktkulturbewegung, die sich mit dem Slogan »Zurück zur Natur« formierte, rebellierte gegen die erzwungene Moral einer als neurotisch und krank empfundenen Gesellschaft. Heinrich Pudor, ein Vorreiter dieser Bewegung, kritisierte 1893 die zunehmende Unnatürlichkeit der Menschen, die den nackten Körper als Geschmacklosigkeit empfanden. Die Nudisten betrachteten den nackten Körper als Symbol für Natürlichkeit und zitierten Goethe als Befürworter. Obwohl die Bewegung damals noch klein war, zog sie große Aufmerksamkeit auf sich. Zahlreiche Schriften diskutierten oder verspotteten die Nudisten, und viele von ihnen wurden wegen mutmaßlicher Unzüchtigkeit vor Gericht gestellt. Richard Ungewitter, Heinrich Pudor, Adolf Koch und andere Aktivisten der Nacktkulturbewegung waren in Strafprozessen verwickelt, was das Interesse der Öffentlichkeit verstärkte. Maren Möhring, Professorin für Vergleichende Kultur- und Gesellschaftsgeschichte an der Universität Leipzig, untersucht die Körpergeschichte und die Entstehung der FKK-Bewegung. Häufig wurde diese Bewegung von katholischen Sittlichkeitsvereinen angeklagt, die sich über die öffentliche Darstellung nackter Körper empörten. Ihrer Meinung nach verstießen Nudisten gegen Sitte und Moral. Die Angeklagten konterten geschickt: Sie behaupteten, dass die Vorstellung eines nackten Körpers ohne erotische Absicht ein Ausdruck moralischer Minderwertigkeit sei. Richard Ungewitter, eine prominente Figur der völkischen Freikörperkultur, betonte diesen Standpunkt. Auch Nudist Heinrich Pudor argumentierte ähnlich und betonte, dass Bekleidung eher die Fantasie anrege, während Nacktheit Ehrlichkeit symbolisiere. Die Historikerin Maren Möhring erklärt, dass die Idee, sich zu entblößen, um zum wahren Wesen vorzudringen, eine westliche Denkweise sei. In anderen Kulturen, wie etwa in Japan, sei das Gegenteil der Fall: Die Kunst der Verhüllung sei dort etabliert. Für die Anhänger der Freikörperkulturbewegung ist Kleidung eine Täuschung, während Nacktheit Wahrhaftigkeit repräsentiert.



Die Rückkehr zur Natur war keine neue Idee, sondern wurde bereits von Philosophen wie Jean-Jacques Rousseau erforscht. Im 19. Jahrhundert gewannen diese Ideen jedoch durch die Industrialisierung, Verstädterung und beengte Wohnverhältnisse an Bedeutung. Die "Lebensreformer", eine Gruppe aus der Mittelschicht von Angestellten und Lehrern, suchten nach einer natürlicheren Lebensweise und einer Möglichkeit zur sozialen Neupositionierung. Die Freikörperkultur (FKK) war Teil dieser Bewegung und wollte die Gesellschaft durch Selbstreform verändern. Die Anhänger glaubten an die Umgestaltung des Körpers durch Nacktgymnastik und gesunde Ernährung. Diese Idee versprach Gleichheit und Schönheit für alle, selbst wenn sie aus heutiger Sicht als unrealistisch erscheint. Die Selbstformung des Körpers erhielt einen martialischen Touch, wobei psychische Belastungen ignoriert wurden. Diese Idee der Eigenverantwortung führte dazu, dass äußerliche Defizite als selbstverschuldet betrachtet wurden, und soziale Disziplinierung durch den Zwang zur Selbstoptimierung ersetzt wurde.


Nacktheit als Ideologie


Die Freikörperkultur (FKK) war ursprünglich in Deutschland verwurzelt, verbreitete sich aber auch in der Schweiz, Österreich und England. In Deutschland wurde die Bewegung durch die protestantische Haltung zum Körper und die fortschreitende Urbanisierung verstärkt. Der unbekleidete Körper wurde zum Vehikel für verschiedene Ideologien, von Idealisten bis zu Ideologen. Die Bewegung spaltete sich in verschiedene Richtungen: Sozialistisch-proletarische FKK-Bewegungen versuchten, die Entmenschlichung des Körpers durch Industriearbeit zu bekämpfen, während völkische Bewegungen rassistische und okkulte Ideen in ihre Ideologie einbezogen. Während der Weimarer Republik stieg die FKK zur Massenbewegung auf, wurde kommerzialisiert und in Zeitschriften wie "Die neue Zeit" populär. Trotz anfänglicher Kontroversen akzeptierte die Gesellschaft den Anblick nackter Körper, bis die Nationalsozialisten die Bewegung während ihrer Herrschaft einschränkten. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte die FKK-Bewegung eine Wiederbelebung, diesmal ohne ideologische Verstrickungen der Vergangenheit.


Der Orplid

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es Bestrebungen, die Nacktheit zu enttabuisieren. Diese Bewegungen entstanden als Reaktion auf die Auswirkungen der Verstädterung und Industrialisierung. Die Motivation dahinter war die Förderung von Gesundheit und der Wunsch, zur natürlichen Ursprünglichkeit zurückzukehren. Die Überzeugung war, dass die Kleidung unnatürliche Prüderie und falsche Moralgesetze förderte.

Zwischen den Weltkriegen erlebte die Freikörperkultur eine Blütezeit, mit der Gründung vieler Vereine, darunter der Orplid. Es bildeten sich vier Hauptströmungen:


1. Bürgerliche Freikörperkultur: Diese Strömung schuf einen Dachverband namens „Arbeitsgemeinschaft der Bünde deutscher Lichtkämpfer“ (AGL), der 1924 zum „Reichsverband für Freikörperkultur“ (RFK) wurde. Diese Organisation vertrat den unpolitischen Naturismus und hatte bekannte Vertreter wie Therese Mühlhauser-Vogeler und Magnus Weidemann, zu denen auch Orplid gehörte.

2. Proletarische Freikörperkultur: Adolf Koch war der Gründer dieser Strömung, jedoch wurde sein Beitrag von der offiziellen Freikörperkulturbewegung nach dem Zweiten Weltkrieg skeptisch betrachtet.

3. Schönheitsbewegung: Kurt Vanselow leitete diese Bewegung, die sich in verschiedenen Logen organisierte. Die wissenschaftliche Nacktloge A.N.N.A. (Aristokratische Nudo-Natio-Allianz) war dabei die bekannteste.

4. Völkische Nacktkultur: Diese Strömung hatte ihre Wurzeln im Werk von Heinrich Pudor und stand dem Nationalsozialismus nahe. Wichtige Vertreter waren Richard Ungewitter und Hans Surén.


1933 wurden alle FKK-Vereine verboten, da sie als Bedrohung für die deutsche Kultur und Sittlichkeit angesehen wurden. Ein Erlass von Hermann Göring im März 1933 forderte Polizeibehörden auf, die Nacktkultur zu unterdrücken. Ende 1934 wurden FKK-Vereine wieder zugelassen, jedoch nur, wenn sie dem ‚Bund für deutsche Leibeszucht‘ beitraten. Die freie Lebensgestaltung war beendet, nun galten Führerbefehl und Leibeszucht. Die Gründung des ORPLID im Krisenjahr 1923

1923, im Nachklang des Ersten Weltkriegs, wurde der ORPLID als Antwort auf die gesellschaftlichen Turbulenzen gegründet. Unter der Leitung von Dr. Hans Fuchs versammelten sich Mitglieder der Wandervogelbewegung und gründeten den „Bund für Geistes- und Körperkultur“. Der Verein florierte schnell, organisierte Ausflüge mit „Licht- und Luftbädern“ und wurde offiziell im Dezember 1924 registriert. In den späten 1920er Jahren schloss sich der Arzt Dr. Günter dem ORPLID an und warb durch Vorträge für die FKK-Bewegung. Der Verein erlebte auch politische Spannungen, als linksorientierte Mitglieder sich abspalteten und den Verein „Freie Menschen“ gründeten.

Mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus kam es zu Übergriffen von Rechtsradikalen. 1933 wurde das ORPLID-Gelände geschlossen und im März 1934 wurde der Verein verboten und aufgelöst, sein Vermögen beschlagnahmt. ORPLID als Programm und Utopie Der Name „Orplid“ symbolisiert eine programmatische Ausrichtung für ein besseres, gesundheitsbewusstes, friedliches und naturverbundenes Leben. Der Begriff stammt aus einer phantastischen Geschichte von Mörike und Bauer, die von einer abgelegenen Insel namens Orplid handelt. Die Insel wird als ein Sehnsuchtsort beschrieben, der von einer Gruppe europäischer Menschen entdeckt wird, die dort ein harmonisches Leben führen.


Orplid als Projekt der Lebensreformbewegung


Die Gründung des Orplid ist Teil einer weltweiten Freikörperkulturbewegung, eingebettet in die Lebensreformbewegung, die eine naturnahe Lebensweise, vegetarische Ernährung, Reformkleidung und Naturheilkunde propagierte als Reaktion auf die negativen Folgen der gesellschaftlichen Veränderungen im 19. Jahrhundert. Die Lebensreform umfasste Bereiche wie Vegetarismus, Naturheilkunde, Körperkultur und Siedlungstätigkeiten. FKK wurde als Teil dieser Bewegung betrachtet und war bis in die 60er Jahre Teil des Selbstverständnisses der organisierten FKK. Dabei stand die umfassende Verbesserung des Lebens im Vordergrund, nicht als politisches oder revolutionäres Programm, sondern durch Selbstreform.


Lebensreform in Darmstadt


Die Gründungssatzung von 1924 des „Orplid Bund für Geistes- und Körperkultur“ in Darmstadt betonte die lebensreformerische Grundhaltung und das Ziel der Pflege edler Körperkultur durch gymnastische Betätigung in Nacktheit zur geistigen, sittlichen und körperlichen Höherentwicklung. Die Satzung betonte auch die Einbindung von mindestens einem weiblichen Vorstandsmitglied. In Bezug auf Gymnastik wurde betont, dass es nicht nur darum geht, äußere Muskeln zu stärken, sondern den Organismus als Ganzes zu erhalten. Die Satzung kritisierte die Betonung von Höchstleistungen im Sport und betonte, dass Sport ohne spielerische Elemente zu VerfallsGymnastik wird.

Die Gründung des Orplid wurde durch den Darmstädter Zahnarzt Dr. Hans Fuchs vorangetrieben, der in den 1920er Jahren durch seine FKK-Erfahrungen inspiriert wurde. Er organisierte Vorträge zu diesem Thema, zu denen er prominente Persönlichkeiten wie den Großherzog von Hessen und Graf Kayserling einlud. Der Großherzog zeigte großes Interesse, musste sich jedoch zurückziehen, als seine Untertanen über den "nackten Großherzog" spotteten.


Motive der FKK – eine wissenschaftliche Definition


Die Freikörperkultur (FKK-Bewegung) ist eine Befreiungsbewegung, die den Körper von der Einschränkung durch Kleidung befreien möchte, die die Übel der Zeit symbolisiert. Nacktheit soll zurück zur Natur, zum „natürlichen Leben“, zur Moral und Sittlichkeit führen, insbesondere in Bezug auf Geschlechterverhältnisse. Ursprünglich wurde die Bewegung von der Naturheilbewegung inspiriert, in der Nacktheit als medizinische Therapieform im Luft- und Wasserbad angewendet wurde. Sportliche Fitness, Körpertraining und -kontrolle spielten von Anfang an eine wichtige Rolle in der FKK, um den Umgang mit Nacktheit zu legitimieren.

Jugendbewegung und Wandervogel beeinflussten die FKK ebenfalls, wobei Nacktbaden als Teil eiener einfachen und natürlichen Lebensweise angesehen wurde. Obwohl die Bewegung von naturphilosophischen Ideen beeinflusst wurde, betonten die Mitglieder hauptsächlich medizinisch-hygienische und funktionale Argumente. Im Laufe der Zeit betonte die FKK-Bewegung zunehmend den ästhetischen und moralischen Wert der Nacktheit.


Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde 1949 in Frankfurt der Verein ORPLID gegründet. In Darmstadt entstand 1950 eine lokale Gruppe. Der Deutsche Bund für Freikörperkultur wurde 1949 in Kassel ins Leben gerufen und entwickelte sich später zum Deutschen Verband für Freikörperkultur (DFK) unter der Leitung von Karlwilli Damm. Die FKK-Bewegung wurde durch die deutsche Teilung beeinflusst. In der BRD der 50er Jahre war öffentliches Nacktbaden kaum möglich, während es in der DDR ab 1956 erlaubt war, wenn die örtlichen Räte zustimmten. Die Wiedergründung des ORPLID Darmstadt erfolgte 1950, um gemeinsames Saunabaden zu ermöglichen. Trotz anfänglicher Widerstände und prüder Atmosphäre wurden der ORPLID-Verein neu gegründet, mit Helmut Schwabe als erstem Vorsitzenden.


Mer misst nor midenanner redde, dann kimmt mer aach ins Gespräch Helmut Schwabe verhandelte mit dem Bürgermeister für den Versammlungsort der ORPLID-Gründung 1950. Ein prüder Bürger hatte die Gründung angezeigt. Der Verein hatte Schwierigkeiten, ein Gelände zu finden. Die Stadt lehnte verschiedene Orte ab, bis sie das enteignete Nazi-Gelände an der Täubcheshöhle erlaubte. Es gab Kontroversen über den Standort, aber Heinrich Peters setzte sich für das städtische Angebot ein und wurde 1951 zum Vorsitzenden gewählt. Die Mitgliederzahl stieg auf 43 durch Bemühungen, ehemalige Mitglieder zurückzugewinnen. Der Verein wurde als Rechtsnachfolger des ORPLID vor 1934 bestätigt. Die Anfangszeit war geprägt von Improvisation, mit einem provisorischen Gelände und zaghaftem Vereinsleben.


Spanner

In den 50er und 60er Jahren hatte der ORPLID Probleme mit Spannern, die auf Bäume kletterten, um Einblicke zu erhaschen. Der Verein versuchte, sie zu vertreiben, aber auch amerikanische Soldaten in Hubschraubern führten „Aufklärungsflüge“ durch. Heinrich Peters beschreibt, wie das Gelände unzureichend gegen neugierige Blicke gesichert war. Die Arheilger Post kommentierte spöttisch, dass der ORPLID nicht tolerieren könne, dass Menschen zuschauen, wenn sie nackt herumlaufen.


Wirksamer Sichtschutz

1952 gab es Spannungen zwischen Spannern und ORPLID-ianern, die auf dem Polizeirevier Arheilgen endeten. Eine Auflage verlangte einen teuren, zwei Meter hohen Zaun um das Gelände. Der Verein konnte sich die Kosten nicht leisten, aber dank Vermittlern wurde eine günstigere Lösung gefunden, um das Jahr zu überstehen. 1953 wurden 170 Eisenpfähle und ein Maschendrahtzaun mit Sichtschutz errichtet. Heinrich Peters prägte die ersten drei Jahrzehnte des ORPLID Darmstadt und engagierte sich vielseitig im Sport, erhielt zahlreiche Auszeichnungen und trug zur geistigen und körperlichen Pflege des Menschen bei.


Entwicklung des Geländes und der Infrastruktur In den 50er Jahren gab es improvisierte Einrichtungen auf dem ORPLID-Gelände, darunter eine Handschwengelpumpe für Körperreinigung und eine primitive Toilette. Ein „Donnerbalken“ diente als stilles Örtchen, mit einem Zeiger zur Anzeige von „besetzt“ oder „frei“. Später wurde ein Plumpsklo errichtet, das heute zugewachsen im Wald steht. In den 50ern begann der Bau fester Strukturen. 1954 wurde die Platzwarthütte im Rohbau fertiggestellt und 1956 eingeweiht. 1959 – es ist ein heißer und trockener Sommer – wird der Bau eines Schwimmbades beschlossen, das bereits im Frühjahr 1961 fertig gestellt wird.

Die wichtigsten Einrichtungen und Bauten auf dem Gelände:

· Anschluss an das Stromnetz der HEAG (1963)

· Fernsprechanschluss (1964)

· Errichtung und Ausbau sportgerechter Volleyballfelder

· Die finale Größe des Geländes von 8 ha wird 1968 erreicht

· Anlage eines Planschbeckens für Kinder (1970)

· Umstellung der Wasserversorgung: Ringsystem mit Druckpumpen (1972)

· Bau der Jugendhütte (1974, Aufstellung im Nordteil des Geländes 1976)

· Bau des Vereinsheims (1972 beschlossen, am 23. Mai 1976 eingeweiht)

· Inbetriebnahme der Sauna im Keller des Vereinsheims (28. Februar 1976)

· Pizzaofen an der Jugendhütte (1983)

· Einrichtung eines Beachvolleyball-Platzes (1997)

· ORPLID präsentiert sich im Internet (1997)

· Erneuerung des Außenbereichs des Schwimmbads (2002)

· Warmwasserbereitung durch Sonnenenergie (2005)

· Anschaffung eines Hüpfkissens (2008)

· Einweihung des Barfußpfads (2012)

· Sanierung des Vereinsheims - Heizung, Barrierefreiheit Sauna, Fenster…(2013/14 )

· Richtfest Rohbau Saunaanbau (18.April 2015)


Weitere Einrichtungen für Sport und Spiel auf dem Gelände:

Tischtennisfelder – Bolzplatz - Boule-Platz - Spielplatz


In den 50er Jahren erhielt der ORPLID Unterstützung von politischen Parteien wie SPD und FDP sowie von ehemaligen Mitgliedern wie dem Oberbürgermeister Ludwig Metzger. 1961 erhielt der Verein als Wiedergutmachung für die Nazi-Beschlagnahmung 7.860 DM vom Land Hessen. 1964 verlor er die Gemeinnützigkeit, die erst 1979 wiederhergestellt wurde. Öffentliche Institutionen gewährten finanzielle Unterstützung für Sportanlagen: 1963 gab es 10.000 DM von der Stadt, 1965 erhielt der Verein 3.000 DM vom Sportamt für Volleyballfelder und 1966 genehmigten Land Hessen und Stadt Darmstadt einen Sportzuschuss von 27.000 DM. Eigenleistungen, wie 10 Arbeitsstunden pro Jahr für männliche Mitglieder, trugen ebenfalls zur Geländeerweiterung bei.

1952 begann der ORPLID mit öffentlichen FKK-Lichtbildervorträgen in der Technischen Hochschule, wie „Sonne und Bergheimat“. Später gab es Kooperationen mit der VHS, hauptsächlich zu Gesundheitsthemen und Naturheilkunde. Auch Reisevorträge, z.B. über Ostafrika, wurden organisiert. Es gab Vorträge zu Yoga, gesunder Ernährung, Saunabaden und Sexualpsychologie. Bis 1967 gab es 47 solcher Veranstaltungen, die in den späten 60er Jahren endeten.

Mitgliederentwicklung Die Mitgliederzahl des ORPLID stieg rasch an: 1953 gab es über 100 Mitglieder, 1961 über 200 und 1962 bereits über 300. Bis 1969 wuchs die Mitgliederzahl auf über 1000 an. In den 90er Jahren sank sie, stabilisierte sich jedoch um 800 Mitglieder seit 2011. Im Jahr 1989 erreichte der Verein seinen Höhepunkt mit 1420 Mitgliedern, wobei die internen Aufzeichnungen des ORPLID-Archivs Schwankungen aufweisen.


Internationale Zusammenarbeit ORPLID Darmstadt spielte eine wichtige Rolle in der internationalen Naturismus-Szene. Dr. Hans Fuchs gründete 1931 die Europäische Union der Freikörperkultur (EUFKA), Vorläufer der Internationalen Naturisten Föderation (INF). 1963 schlossen ORPLID Darmstadt und Heliosport Troyes eine Städtepartnerschaft. Heinrich Peters wurde 1968 INF-Vizepräsident, und 1969 tagte das Zentralkomitee der INF in Darmstadt. In den 70er und 80er Jahren gab es Treffen mit Kovo Praha (Volleyball) in Darmstadt und Prag. 1990 besuchte die DDR-Volleyball-Nationalmannschaft ORPLID. Seit 2015 unterstützt ORPLID internationale Beachvolleyballturniere in Gstaad/Saanen und organisiert seit 2017 regelmäßige Vereinsfahrten in die Schweizer Partnerstadt.


Wandlung zum Familiensport- und Freizeitverein In den 60er Jahren wandelten sich die deutschen Naturistenvereine. Das lebensreformerische Programm wurde abgeschwächt, die Ausrichtung auf Vegetarismus und Abstinenz trat in den Hintergrund. 1965 erfolgte die Umbenennung von „ORPLID - Bund für Geistes- und Körperkultur“ in „ORPLID – Bund für Freikörperkultur und Familiensport“. Die Jugendarbeit wurde gestärkt, mit der Gründung der Jugendgruppe „Corona“ 1965 und dem zweiwöchigen Bundesjugendlager 1967. Die Jahreshauptversammlung 1962 prägte die programmatische Ausrichtung, mit stärkerem Fokus auf Öffentlichkeitsarbeit und Sport, unterstützt von Mitgliedern wie Peters. Ähnliche Entwicklungen gab es bundesweit bei FKK-Vereinen. Der Dachverband (DFK) betonte den Übergang zur pragmatischen Ausrichtung, mit Sport als familienorientierter Breitensport, während lebensreformerische Ansätze in den Hintergrund rückten.


Breiten-, Familien- und Leistungssport und Kultur In den 50er und 60er Jahren betonte ORPLID den Familien- und Breitensport, mit Schwerpunkt auf gemeinsamen Sportarten wie Volleyball, Indiaca, Ringstennis und Boule. Der Verein trug dazu bei, weniger bekannte Sportarten wie Volleyball populär zu machen. Ursprünglich distanzierte sich ORPLID vom Leistungs- und Wettkampfsport, doch diese Haltung änderte sich spätestens in den 60er Jahren. Die Volleyballmannschaften und Einzelmitglieder von ORPLID erzielten regionale und nationale sportliche Erfolge.

Heute gibt es vielfältige Sportarten im ORPLID. 1977 entstand eine Tanzsportabteilung, 2010 begann Gerätetauchen, seit 2015 gibt es meditatives Bogenschießen. Manche Sportarten verlieren an Bedeutung, neue wie MUMM und ORPLIDion werden eingeführt. Sportabzeichen, Gymnastik, Wassergymnastik, Yoga, Wanderungen und Spaziergänge sind feste Bestandteile des Vereinslebens. Feste feiern im ORPLID – Erinnerungen von Klaus Pohlmann Der ORPLID pflegte neben dem Sport auch gesellige Aktivitäten. In den 50er Jahren fanden die Feste im Saal der Gaststätte „Bockshaut“ statt. Es gab jährliche Tanzveranstaltungen und Nikolausfeiern für Kinder. Ein Kaffeegarten bot selbstgemachten Kuchen und später einfache Mittagsgerichte. Grillfeste wurden von Platzwarten organisiert. Nach dem Vereinsheim-Bau übernahm ein ehrenamtliches Team die Bewirtschaftung für 7 Monate, erwirtschaftete über 10.000 DM und organisierte Großveranstaltungen wie Silvesterbälle und Faschingsveranstaltungen für über 300 Gäste.


Gegenwart des ORPLID Der ORPLID erlebte in den letzten Jahrzehnten eine Konsolidierung und erweiterte seine Angebote. Öffentlichkeitsarbeit erfolgte durch Rundfunkauftritte und Teilnahme an lokalen Veranstaltungen. Kulturell gab es die Gründung eines Chors, einer Malgruppe und die Schaffung eines Mehrgenerationengartens. Regelmäßige Events wie Hut-Konzerte, Tanzabende und Theateraufführungen wurden etabliert. Die Vegetation des Geländes wurde durch den Klimawandel beeinträchtigt, erforderte Maßnahmen gegen Schädlinge und führte zum Fällen von Kiefern. Die Pandemie von 2020-2022 beeinträchtigte das Vereinsleben, konnte es jedoch nicht stoppen. Der ORPLID bietet vielfältige Möglichkeiten für Sport und Kultur, für jedes Alter und Interesse, und ist bereit für die kommenden Jahrzehnte.









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