Hüttenurlaub

Aus der Leere des Urlaubs erwächst eine Fülle des Alltags

Bericht von einem Hüttenurlaub in den österreichischen Alpen Von Christoph Müller
Wir sitzen auf der Terrasse einer Almhütte – mitten in der Ramsau am Dachstein.
Plötzlich ertönt nur wenige Meter neben uns eine Kuhglocke, unterbricht die Lektüre des Kriminalromans und das Schnitzen von Holzmessern.

Es ist ungalublich, aber in dieser Umgebung kann uns eh nichts stören.
Das Handy ist ausgeschaltet, da das Mobilfunknetz nur unzureichend funktioniert.
Strom hat die ehemalige Sennerinnenhütte nicht, die wir uns für eine Woche Bergurlaub ausgesucht haben.
Fließendes Wasser gibt es in dieser Umgebung auch nicht, einmal abgesehen von dem 6 Grad Celsius frischen Wasser des nahegelegenen Bergbachs.
Das Ganze wird noch getoppt: denn mit dem Auto ist die Almhütte nicht erreichbar.
Dies hat einen großen Vorteil. Denn die Tatsache, dass die Almhütte zwar an einem immer wieder genutzten Wanderpfad liegt,
der jedoch nur von ein bis zwei Dutzend Wanderern oder
Mountain-Bikern genutzt wird, macht aus dem Abenteuer Hüttenurlaub sogar einen Naturistenurlaub.
Wen sollen wir stören mit unserem Nacktsein ?

Wir genießen es einfach, als Adam und Eva die Natur mitten in den österreichischen Alpen zu leben.
Eins mit der Natur sind wir für sieben Tage.
Ja, jetzt ist dieses plakative Credo Wirklichkeit.
Die einzigen Zuschauer sind die Rindviecher, die uns besuchen,das Gras auf der Alm fressen und genauso das Bachwasser trinken, wie wir es tun.
Eine der schönsten Möglichkeiten für die Erholung Was wir vor dem Urlaub als Abenteuer  beschrieben haben,
dies hat sich als eine der schönsten Möglichkeiten für die Erholung von Körper und Seele erwiesen.
Denn während der sieben Tage auf einer Almhütte in den Alpen haben wir Abstand gewonnen vom Alltag und den vielen Herausforderungen des täglichen Lebens.
Wir sind eingetaucht in den Rhythmus der Natur.
Ins Bett gegangen sind wir, als es dämmerte.
Aufgestanden sind wir, als es hell wurde.
Die mitgebrachten Kerzen blieben eingepackt.
Denn die Natur hat uns schon erzählt, was zu tun ist.
Wir haben auch die Widersprüche des modernen Lebens wahrgenommen.
Nur 30 bis 45 Minuten Fußweg von der Hütte entfernt hat die Talstation der Dachsteinbahn gestanden.
Dort sind die unzähligen Touristinnen und Touristen hingepilgert, die das prompte Naturerlebnis gewünscht haben.
In nur sechs Minuten mehr als 1000 Höhenmeter überwinden.
Nein, unsere Sache ist es nicht gewesen, wenn wir tagsüber den Rucksack gepackt haben, die Wanderschuhe geschnürt haben und uns auf den Weg zu den zahlreichen Hütten im
Dachstein-Massiv gemacht haben.
Kontemplativer Weg des Urlaubs Irgendwie haben wir den kontemplativen Weg des Urlaubmachens gewählt.
Der Kopf wird frei in dieser traumhaften Kulisse.
Die Nähe zum Massentourismus erleichtert auch die Abgrenzung,schließlich wird die Widersinnigkeit desselben mehr als offensichtlich.
Wir hetzen während dieses Hüttenurlaubs nicht von Attraktion zu Attraktion.
Es ist aber auch nicht nötig.
Denn die Abgeschiedenheit inmitten der Bergwiesen und Bergwälder ist Abwechslung genug.
Es wird nicht langweilig.
Wir kommen endlich einmal zum Lesen, was während des Alltags sicher immer nur in Häppchen geschehen kann.
Wir sprechen miteinander, weil in dieser Umgebung ja nichts stören kann.
Manchmal sind es die Tiere, die die Ruhe durchbrechen.
Hin und wieder sind es die eigenen Kinder, die natürlich etwas wollen.
Es ist einfach schön, unbekleidet die Natur zu genießen.
Ob es am Abend ist, wenn der Filius das Lagerfeuer entzündet hat, an dem wir die Würstchen grillen.
Ob es in der Frühe ist, wenn wir uns das Frühstück schmecken lassen.
Oder ob es tagsüber ist, wenn auf der Almterrasse das Gemüse für die Mittagsmahlzeit geputzt wird oder sich die Zeit mit Lesen oder Gesellschaftsspielen vertrieben wird.
Es stört niemanden, dass wir so sind, wie wir sind.
Und uns stört es nicht, dass wir uns in die Arme der Natur fallen lassen, um uns den Rhythmus derselben gefallen zu lassen.
Zivilisationskritik und Weltflucht ?
Es kommen uns Ideen von Zivilisationskritik und Weltflucht, wenn wir frisch und frei von aller Kleidung auf der Terrassenbank hocken.
Falsch sind diese Assoziationen nicht. Denn wir schaffen es nur ein einziges Mal in der Woche Almhütte, wirklich in die Zivilisation zurückzukehren.
Dies hat ganz pragmatische Gründe.
Essen und Trinken sind zur Neige gegangen.
Dies hat zur Folge gehabt, den nächsten Supermarkt aufzusuchen.
Und es ist ein komisches Gefühl gewesen, sich plötzlich in die Menschenmengen zu begeben, sich in die Wartereihe vor der Kasse einordnen zu müssen – und alles auch noch bekleidet.
Die Frische der Natur inmitten des Bergtales hat schon etwas Sympathischeres als die Kühle der Klimaanlage im Einkaufsladen.
Es geht auch anders. Ja, es geht anders.
Es braucht im Urlaub nicht die Hetze des Massentourismus.
Es macht unglaublich viel Spaß, die Langeweile, die sich nach dem Zuklappen eines Buchs ergibt, wahrzunehmen.
Ist es zu gewagt, davon zu schreiben, dass wir die Langeweile auch genossen haben ?
Es kommt in einem Leere auf, die den Urlaub erlebenswert macht.
Es kommt das Gefühl auf, dass das Anziehen der Handbremse im eigenen Leben mehr als Sinn macht, es scheint überlebensnotwendig.
In diesem Hüttenurlaub ist die Langeweile zu einer Tugend geworden.
Denn aus der Leere des Urlaubs erwächst eine Fülle des Alltags.
Die Seele hat freien Lauf.
Der Begriff der Fülle klingt pathetisch, zugegeben.
Doch erscheint er trotzdem zutreffend. Denn dadurch, dass das Internet und das Radio wirklich ausgeschaltet sind, laufen die eigene Seele und der eigene Geist auf Betriebstemperatur.
Vieles wird bedacht, vieles wird (neu) bewertet und für die kommenden Monate werden Weichen gestellt, damit Entscheidungen klarer getroffen werden können und der Alltag einfach zufriedenstellender bewältigt werden kann.
In diesem Natururlaub finden wir die richtige Distanz zum Beruf, zur Familie und zu den vielen Zusammenhängen, in denen wir leben.
Das Nacktsein hat seinen Anteil daran. Wir sind frei von Kleidung und Angepasstheiten, wir sind frei von Denkverboten und Notwendigkeiten.
Es schaut niemand, was wir denken und machen.
Die Seele hat freien Lauf. Der Geist kann machen, was er will.
Dies geschieht auch in dieser Umgebung, in der wir nur wenige Fixpunkte haben.
Es ist der Blick auf das Dachstein-Massiv, der an jedem Morgen und an jedem Abend auf andere Weise seine Schönheit und Imposanz zeigt.
Es ist die Ski-Abfahrtsstrecke, die in einiger Entfernung in sommerlicher Ruhe anzuschauen ist.
Es sind die vielen Wälder und Hütten um uns herum, die wir nicht greifen können.
Dies macht aber das Begreifen einfacher.