FKK in Deutschland

FKK in Deutschland: Ist Nackheit heute tabu?
von Sandra Lumetsberger; 18.8.2019 kurier.at


FKK war eine Massenbewegung, heute ist von einem Tabu die Rede. Wer badet noch textilfrei?
„Willkommen im Paradies“ steht auf dem kleinen Schild in Berlin-Reinickendorf. Zwischen meterhohen Bäumen liegt das Eingangstor zu einem der ältesten FKK-Vereine der Stadt, den Saunafreunden. 2020 feiert man 70 Jahre.
Vorbeispazierende würden kaum ahnen, was sich hier verbirgt: Menschen spielen Tischtennis, lesen auf ihren Liegestühlen, spielen Volleyball oder ziehen ihre Bahnen im Heiligensee – nackt versteht sich. Nur an diesem Tag trägt man lieber Textil. Das hat mehr mit den plötzlich abgekühlten Temperaturen zu tun und weniger mit der Meldung, die deutschlandweit im Umlauf war.
Der Sexualforscher Kurt Starke wurde mit einer Prognose zitiert: „FKK ist überhaupt kein Trend mehr. Die Geschichte der Freikörperkultur ist in eine neue Etappe eingetreten.“ Festmachen will er dies an „Unwesentlichkeit“ und anhand eines neuen „Nacktheitstabus“. FKK sei „altmodisch und zugleich deliberalisiert“.
So allgegenwärtig nackte Haut in Werbung und Fernsehen ist, so prüde sollen die Menschen also heute sein. Oder gibt es andere Gründe?
Perfektion im Netz
Einer, der es wissen könnte, ist Christian Utecht, Präsident des Landesverbands Freikörperkultur Berlin-Brandenburg. Er ortet durchaus Veränderungen, wie die Kommerzialisierung der Strandbäder; oder die Angst vor Spannern, die größer sei, „jetzt, wo jeder ein Smartphone griffbereit hat“.
Auch die Vorstellung von Schönheit und Perfektion, die man in sozialen Medien sehe, wäre ein Hemmnis, berichtet der Mann, den praktische Gründe zum Nacktbader gemacht haben („Ich hasse nasse Badehosen“). Ob FKKler, die nicht in Vereinen sind, nun weniger werden, ist schwer zu sagen, die Szene sei unorganisiert.
Genauer wissen sie es in den Vereinen. Es ist kein Geheimnis, dass sie vor allem ältere Mitglieder haben, sagt Heiner Staerck, stellv. Vereinsvorsitzender der Saunafreunde (Bild unten), der über das Gelände führt. Sport treiben und Seele baumeln lassen, lautet das Prinzip. Der 72-Jährige und seine Frau sind seit 1975 dabei, als FKK eine Massenbewegung war.
Mehr als 2.200 Menschen waren im Verein, sogar von Aufnahmestopp war die Rede. Nach der Wende wurden es weniger, da die Seen in Berlin und Brandenburg nun für alle offen waren.

Wieder mehr Familien
Seit zwei Jahren verzeichnet man leichten Zuwachs, berichtet Staerk. Von etwa 750 ist die Zahl auf 810 gestiegen, darunter sind viele junge Familien. Manche waren schon als Kinder hier.
Die 33-jährige Emma (Bild unten) ist mit Mann und Kind neu dabei. Sie leben in Friedrichshain, einem Bezirk mit Partytouristen, Studenten und jungen Familien – „das ist schon eine kleine Bubble“, sagt die gebürtige Britin.
Es sei gut, sich hier mit älteren Menschen auszutauschen, zusammen Kaffee zu trinken. Man spricht über Gesundheit, Rente oder Berufsleben. Und: „Man bekommt ein gutes Realitätsbild.“ Auch was das eigene Körpergefühl betrifft. Ihre Tochter solle später einmal nichts Falsches aus den Beautymagazinen oder via YouTube lernen, sondern sich in ihrem Körper wohlfühlen.
Davon gehen auch die Wissenschaftler der Londoner Goldsmiths University aus. Nacktsein macht glücklich, wollen sie in ihrer Studie „The Naked Truth“ herausgefunden haben. Und es sorge neben einem besseren Körpergefühl zudem für mehr Selbstbewusstsein.

Nackt sind alle gleich
„Hier sind alle gleich, egal, ob sie Polizist oder Politiker sind“, erklärt Heiner Staerck. Nachsatz: „Wir nehmen unseren Körper so, wie er ist, jeder akzeptiert das, wenn mal wer einen dicken Bauch hat oder alles nicht mehr so frisch ist“, sagt er. Seine Frau Edeltraud kennt es nicht anders. Sie ist in der DDR aufgewachsen, „da war das einfach so“, sagt sie und erinnert sich an die Seebrücke in Ahlbeck, wo Nacktheit selbstverständlich war.
Und heute? Es ist nicht mehr so einfach, die Abschnitte sind weniger geworden. Die Wessis wollten das nicht, habe ihr ein Hotelier erzählt.
Aber nicht nur an der Ostsee, auch im liberalen Berlin gibt es Reglementierungen: Nach Beschwerden und schlechten Online-Bewertungen herrscht im als textilfrei bekannten Vabali Spa außerhalb von Saunen und Pools Bademantelpflicht.
Selbst in Bayern, wo man „leben und leben lassen“ praktiziert, diskutierte kürzlich der Stadtrat, wie viel Nacktheit verträglich ist: Nachdem ein Sicherheitsdienst Frauen an der Isar gebeten hat, sich obenrum zu bedecken, gab es Proteste.
Einfach so am See ausziehen, neben Bekleideten, dabei fühlt sich Erika nicht so wohl. Die gebürtige Wienerin genießt es, am Steg zu liegen, die untergehende Sonne zu beobachten – zu kommen und zu gehen, wann sie will.
Wie jedes Mitglied hat sie dafür einen besonderen Schlüssel: Man kann ihn nur aus dem Schloss ziehen, wenn er durchgesteckt wurde und von innen abgeschlossen hat – ins Paradies soll ja nicht jeder.

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