Nackt abtauchen in Südfrankreich


Nackt abtauchen in Südfrankreich
Für diesen Urlaub genügt das leichte Gepäck - Dieter Schwab - 17.08.2019 08:00 Uhr Nordbayern
BÉDOIN - Wer sich auszieht, gibt damit auch alle Statussymbole ab. Das kann sehr entspannend wirken, wie ein Besuch auf FKK-Campingplätzen zeigt.
Diesmal reicht ganz leichtes Gepäck. Für knapp eine Woche: Waschzeug und zwei T-Shirts. Eines für den Rückflug, eines in Reserve. Und für die Tage dazwischen? Nichts.

Nichts trägt etwa Mathieu, der mich barfuß von Kopf bis Zehenspitzen an der Rezeption begrüßt. Seine Kollegin Noellia hat nur ein Tuch um die Hüften gewickelt. Ich entscheide mich leicht irritiert dafür, beiden vor allem in die Augen zu blicken. Dabei: Als Arbeitskleidung ist das auf einem FKK-Campingplatz, wie hier auf dem südfranzösischen Serignan Plage Nature direkt am Mittelmeer, durchaus angemessen. Denn wer hier etwas anhat, sollte schon einen guten Grund haben.
So wie Didier, dessen durchtrainierter und muskulöser Körper unter Hemd und Shorts noch sehr gut zu erahnen ist. Aber er muss am Pool und im Wellnessbereich als Bademeister erkennbar sein. So wacht er ironischerweise angezogen darüber, dass die Gäste die dort herrschende Entkleidungspflicht wirklich einhalten.
Es ist eine seiner leichteren Aufgaben, denn wer FKK-Urlauber nach den Gründen ihres Ausgezogen-Seins fragt, der bekommt in aller Regel die nasse Badebekleidung nach dem Aufenthalt in Pool oder Meer genannt. Und dann folgen in der Regel ein paar schwärmerische, aber trotzdem oberflächliche Sätze über Ungezwungenheit und Bewegungsfreiheit.
Wenn du nichts an hast, wirst du demütig
Pascal sieht die Dinge grundsätzlicher. Er muss das praktisch von Berufs wegen, denn er leitet eine vergleichbare Anlage rund 200 Kilometer nördlich, die Domaine de Bélézy bei Bédoin in der Provence. Seine Philosophie: "Wenn du nackt bist, kannst du dir nichts mehr vormachen. Du wirst demütig."
Und dann erzählt der 60-Jährige von den Falten, die er bei jedem Start in eine neue Urlaubssaison an sich entdeckt. Und sagt weiter: "Du bist du selber. Du hast keine Statussymbole mehr." Allenfalls noch die Sonnenbrille – aber sonst gibt es keinen sichtbaren Hinweis auf Beruf, Wohlstand oder Herkunft.
Wobei es das Wort FKK in Frankreich so nicht gibt. "Es geht um Naturismus", erklärt Noellia, um ein unaufgeregtes Leben im Einklang mit der Natur. Licht, Sonne und Luft sollen ohne irgendeine Barriere an die Haut kommen, nicht weniger und vor allem nicht mehr. "Das ist das exakte Gegenteil von Nudismus", schließt sie an, "denn dort geht es hauptsächlich darum, den Körper zu zeigen."
Die Regeln in den Anlagen – die übrigens einfache Stellplätze ebenso anbieten wie gut eingerichtete Zelte und fast schon luxuriöse Komfort-Unterkünfte mit Toilette, Klimaanlage und Fernseher –, sind überschaubar. Die erste steht in einer Broschüre, die der Gast erhält: "Leben Sie so nackt wie möglich!" Außerdem: Fotos nur mit Einverständnis der abzubildenden Personen, und weil es die verständlicherweise praktisch nie gibt, lässt man es besser gleich.
Und schließlich: Zwischen Liege oder Stuhl und Körper gehört ein Handtuch, wenn man sie benutzt. Zu guter Letzt, etwas differenzierter: "Gucken ist erlaubt, glotzen nicht", formuliert es Sonja, eine Endvierzigerin aus Mannheim. Und das funktioniert? "Aber ganz sicher", sagt Pascal. "Am Ende des Tages sind sogar die sonst eher prüden Italiener entspannt und werden ruhiger", hat er beobachtet und lacht nach diesem Satz sein lautes, kehliges Lachen.
Er ist im Winter selbst gern unterwegs, erzählt er, in Asien oder der Karibik, wo es solche Anlagen nicht unbedingt gibt. Unter Textilen, wie der Fachausdruck der Naturisten für den angezogenen Teil der Menschheit lautet, geht es viel angespannter zu, schildert er seine Beobachtungen. Womöglich liegt es daran, dass sich verletzlicher fühlt, wer nackt ist. Und überflüssigen Konflikten einfach aus dem Weg geht.
Und in der Tat, es liegt eine sehr entspannte, fast heitere Atmosphäre besonders über der Anlage in der Provence. Kinder können sich weitgehend frei bewegen, weil die Autos draußen bleiben müssen. Für die Buben und Mädchen, die aus der Stadt kommen – und das sind die meisten  – , ist der kleine Bauernhof sehr attraktiv. Und so füttert die siebenjährige Antoinette mit großer Hingabe und unter geduldiger Anleitung die Hühner. Von ihren Eltern ist weit und breit nichts zu sehen.
Zwei T-Shirts im Gepäck haben genügt
Selbst die Internationale der Pubertierenden, andernorts nachts Quell einer gewissen Lautstärke und damit des Ärgernisses, ist zur Schlafenszeit überraschend still. Das aber mag nicht allein an der Einsicht liegen, sondern auch an den drei Nachtwächtern, die dann unterwegs sind und höflich, aber bestimmt die Nachtruhe anmahnen.
Ach ja, die beiden T-Shirts haben übrigens völlig ausgereicht. Eins für den Rückflug. Und gut, dass ich eins als Reserve dabei hatte. Denn selbst in einer Naturistenanlage darf man das Abendessen im Restaurant manchmal nur bekleidet einnehmen.