Wir sollten viel öfter "nackt" sein

Wir sollten viel öfter nackt sein
Von Onur Ogul am 16. August 2019 Schweizer Illustrierte
Ein Date führt SI-Online-Blogger Onur Ogul auf eine FKK-Wiese. Dort sinniert er darüber, ob Nacktsein für manche auch ein Statement sein kann.

Fast 40 Grad warm, Trottoirs braten die Füsse, die U-Bahn riecht wie ein Fitnesscenter oder zwei. Das soll mich aber nicht davon abhalten, das Haus zu verlassen. Denn seit ein paar Monaten lebe ich mich in meinem neuen Zuhause Berlin ein. Dazu treffe ich mich gerne ab und zu mal mit Männern, die schon länger hier leben.
Ich verabrede mich an diesem Hitzetag über die Dating-App Grindr mit einem gleichaltrigen Indonesier. Er ist sehr freundlich, es ist aber schon bald klar, dass das nur eine kleine Berlin-Tour wird und nicht mehr.


Er führt mich in den Volkspark Hasenheide im Bezirk Neukölln. Ein Park auf 470‘000 Quadratmetern, so gross wie 66 Fussballfelder, gesäumt von Wäldchen und Wiesen.
Plötzlich biegen wir vom normalen Weg ab und streifen durchs Dickicht. Hier und da stehen Männer auf den Trampelpfaden. Sie regen sich nicht, beäugen uns aber ganz genau beim Vorbeigehen. Sie «cruisen», warten also auf spontane Kurz-Abenteuer mit anderen Männern im Gebüsch.
Ein paar Meter weiter gelangen wir auf eine kleine Lichtung. Aus dem hohen Gras ragen nackte Oberkörper, grossmehrheitlich von Männern. Und erst nach ein paar Sekunden fällt mir auf, dass nicht nur ihre Oberkörper nackt sind.
Bis zur Unterwäsche
Mein Begleiter hat mich an einen der zahlreichen FKK-Bereiche in Berlin gebracht. Jung, alt, glatt, pelzig, alle sonnen sich hier im Adamskostüm. Ich bin ja relativ offen. Aber ich hätte das vorher vielleicht gerne gewusst, um mich innerlich quasi schon mal auszuziehen.
Wir setzen uns aussen irgendwo am Rand der Lichtung ins Gras, quatschen und beobachten die anderen. Um uns zumindest ein bisschen anzupassen, ziehen wir uns bis auf die Unterwäsche aus. Für mehr bin ich in diesem Moment nicht zu haben.
Ich will vermeiden, meinem Begleiter das Gefühl zu geben, mehr zu wollen. Und mit meinem blanken Hintern will ich erst recht nicht auf eine Wiese mit Gräsern und Viechern sitzen. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, hat es schon auch mit Scham zu tun. Dabei habe ich mich doch erst kürzlich meiner Oben-Ohne-Phobie angenommen.
Diese kleine, friedliche Lichtung lässt mich an den nächsten Tagen nicht los. Ich fasse den Entscheid, das volle Programm doch noch durchzuziehen. Immerhin will ich die ganze Berlin-Experience, und irgendwie scheint FKK auch ein Gay-Ding zu sein.
Die Hosen im Sitzen ausziehen
Ich betrete also einige Tage später die Lichtung in der Hasenheide nochmals. Dieses Mal ohne Begleitung. In Kleidern zwischen den gebräunten und geröteten Pobacken durchzulaufen, fühlt sich sehr seltsam an.
Doch wo ist eigentlich die ideale Stelle auf einer FKK-Wiese? Nicht zu nah an jemandem? Das könnte ja aufdringlich wirken. Nicht direkt vor dem Kopf eines anderen? Schliesslich hätte er auf diese Aussicht wohl keine Lust. Nicht in die Mitte der Wiese? Ich könnte ja als Poser gelten.
Inzwischen haben sich alle Köpfe nach mir umgedreht. Ich breite mein Badetuch schlicht an der nächstbesten Stelle aus und setze mich drauf. Die Köpfe drehen sich wieder weg.
Nun wirds also ernst. Das Shirt ist noch Pipifax. Aber die Hosen und Unterwäsche müssen auch noch weg. Wenn ich aufstehe, muss ich mich jedoch fürs Hosen-Ausziehen nach vorne beugen. Ich mache das lieber im Sitzen.
FKK ist auch ein Statement
Das Kunststück vollbracht, lege ich mich hin (natürlich auf den Bauch, wie sonst?) und beobachte die Szenerie. Direkt neben mir sitzen ein Italiener und ein asiatisch aussehender Mann, schätzungsweise um die 30 Jahre alt. Sie unterhalten sich auf Englisch, sind offensichtlich beide noch nicht lange in Berlin. Sie schäkern und erzählen sich von ihrer jeweiligen Heimat.
Englisch scheint die Standardsprache auf dieser FKK-Wiese zu sein. Ich höre nur Vereinzelte Deutsch sprechen. Von links und rechts höre ich Türkisch und Arabisch. Die allermeisten sehen auch so aus, als kämen sie aus dem Nahen Osten. «Krass!», denke ich mir. Wie viele Menschen aus homofeindlichen Kulturen müssen diesen Flecken hier für das Paradies halten? Egal, ob sie gerade erst geflüchtet sind oder ob sie wissen, wie es in ihrer zweiten Heimat um LGBTQ+-Rechte steht.
Wo in Syrien oder wo in Afghanistan können sich Schwule schon in einem öffentlichen (!) Park der Stadt (!!) treffen und nackt (!!!) sonnenbaden – und wenn sie wollen, auch noch cruisen? (!!!!)
Hier auf der FKK-Wiese in der Hasenheide manifestiert sich ihre Freiheit gleich auch am Körper. Das Abstreifen der von der Gesellschaft aufgezwungenen Kleidung erzeugt eine «Hier kann und darf ich alles»-Atmosphäre.
Das bestärkende Gefühl ist ansteckend. Auch wenn ich in einem liberalen Land aufgewachsen bin, empfinde ich hier eine grosse Akzeptanz. Der Selbstzweifel, mit dem ich sonst durch die Welt gehe, ist fort. Keine Bedenken wegen des falschen Outfits, keine Scham wegen des untrainierten Körpers. Denn auf der FKK-Wiese bist du schlicht und einfach so wie jeder andere –nackt.
Da sonne ich mich also für eine Weile sehr selbstzufrieden, warte bis die Sonne untergeht und fahre mit einem sehr guten Gefühl wieder nach Hause – in Kleidung, versteht sich.