Mehr nackte Haut war noch nie

 
Mehr nackte Haut war noch nie
Aber nur digital, denn wer sich selbst am Strand entblößt, der gilt als gefährlich. Gedanken zur neuen Körperlichkeit zwischen Pornos und Prüderie.
Von Friederike Zoe Grasshoff 
Hätte es 2004 schon Twitter gegeben, der Begriff "Nipplegate" wäre mit Sicherheit sehr, sehr oft gefallen. Damals traten Janet Jackson und Justin Timberlake beim Super Bowl auf, sie sangen ein Lied, das "Rock Your Body" heißt, irgendwann riss Timberlake so fest an Jacksons Kostüm, dass Millionen von Amerikanern mit ansehen mussten/konnten/durften, wie Jacksons Brustwarze freigelegt wurde.
Eine Brustwarze! Die Medien tauften den Vorfall damals Nipplegate, und wie das Skandalisierungs-Suffix -gate schon sagt: Hier war etwas Unerhörtes passiert. Eine große, geplante Aufmerksamkeits-Show? Eine Bankangestellte reichte Klage ein; nach jenem 1. Februar 2004, dem man das Eklathafte heute kaum noch abnimmt, beschlossen ein paar Fernsehsender, mediale Großlagen wie die Oscars lieber mit ein paar Sekunden Verzögerung auszustrahlen. Schon süß, 2004.
 Dreizehn Jahre später ist Nacktheit und die Frage, wie die Gesellschaft mit ihr umgeht, mal wieder ein recht präsentes Thema; wegen Protesten, die in Argentinien stattfanden, und, auch das, wegen der wirklich aufregenden Nachricht, das Nackt-Magazin Playboy drucke künftig wieder Fotos von Nackten.
Dabei hat der durchschnittliche Googler längst so viele Brüste und andere Geschlechtsteile gesehen, wie Lkw-Fahrer vorbeiziehende Leitplanken. Verbringt man einen halben Tag auf Instagram, dem vielleicht narzisstischsten aller Netzwerke, könnte man meinen, die Zeiten des Nipplegate seien vorbei, so viele Menschen mit sehr wenig Kleidung da überall zu sehen sind.
 
Ja, man könnte meinen, Großteile dieser digitalen Gemeinschaft bestünden aus Nudisten. Aus eher unentschlossenen Nudisten, die nackt sind, ohne nackt zu sein. Die explizit sind, ohne explizit zu sein. Busen und Muskelarme werden zwar in die Kamera gehalten, die Brustwarzen aber werden meist mehr oder weniger gekonnt verdeckt, also doch auch heute noch: #nipplegate, in Zeiten von Youporn und Seitensprung.de?
Soziale Medien wie Instagram stellen den Mensch zwar in seiner ganzen Posen-Haftigkeit aus, richtig nackte Körper und weibliche Brustwarzen sind aber eigentlich verboten (männliche Brustwarzen dürfen netterweise gezeigt werden). Den Nutzungsbedingungen zufolge darf man keine "sexuell anzüglichen Fotos oder sonstige Inhalte" posten. Gute Absicht, aber: keine sexuell anzüglichen Fotos? Böse ausgedrückt ist Instagram ein Mosaik sexuell anzüglicher Fotos nebst Kulinaria- und Ich-war-hier-Fotografie.
Was ist normal?
Beim Mutterunternehmen Facebook die gleiche Chose. Bikini oder Badehose darf er tragen, der Nutzer und Benutzte, nur nackt geht halt nicht; regelmäßig kommt es zu abstrusen Lösch-Vorgängen, die ein seltsames oder gar nicht existentes Geschichtsverständnis offenbaren. Neulich wurde ein Bild entfernt, das die Neptun-Statue auf der Piazza del Nettuno in Bologna zeigt, einfach zu explizit, dieser Wassergott ohne Badehose.
In einer Zeit, in der Jugendliche und halbwegs Erwachsene Busen- und Penisbilder rumschicken, Selfie-Künstler wie Kim Kardashian die Kulturtechnik des Fast-nackt-Selbstporträts etabliert haben, FKK-Liebhaber aber als altbacken belächelt und Fotos von nackten Statuen gelöscht werden, kann man sich schon fragen: Was ist das für eine neue, normale Nacktheit? Vielleicht ist es ein Nackt, das etwas mit gefühlter Selbstbestimmung und Macht zu tun hat. Aber eher weniger mit Intimität, mit wahrer Blöße.
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