VIDEANT NATURISTES

 VIDEANT, NATURISTES…
„Es gibt Situationen, in denen das Private öffentlich gemacht werden sollte. Das schließt ein
Bekenntnis zur Freude am unbekleideten Leben durchaus ein.“
(Christoph Müller, Bonn, Juli 2016)
Tatsächlich geht es NaturistInnen nicht darum, den eigenen Lebensstil Anderen aufzudrängen.
Derzeit wird der Naturismus jedoch – etwa aus vorauseilendem Gehorsam? – seit längerem in der
Schweiz, nun offenbar auch in Deutschland geradezu systematisch eingeschränkt:
Aktuell hört man, im sächsischen Moritzburg seien NaturistInnen aufgerufen, „ihre Nacktheit zu
begrenzen“. Begründung: Flüchtlingen in einer nahen Gemeinschaftsunterkunft könne die Aussicht
auf nackte Badende nicht zugemutet werden.


Der traditionelle „World Naked Bike Ride“ wird heuer in Essen, NRW, aus formalen Gründen nicht
gestattet.
Besonders die Forderung nach einer Selbstbeschränkung – etwa beim Baden – ist von Interesse:
Einerseits sind die Quartier- und Gastgeber der Flüchtlinge angehalten, Refugees in ihrer Tradition zu
respektieren, andererseits wäre es essenziell, ihnen die Welt vor Ort „ungeschminkt“ zu zeigen, so
wie sie eben ist. Erst wenn die mehr oder weniger freiwilligen GastgeberInnen ihre eigenen Traditionen
unverkürzt leben, hätten die mehr oder weniger freiwilligen Gäste die Möglichkeit zur Orientierung,
ob sie die hier vorhandene Lebensart selbst problemlos respektieren können oder aber nach
Ende der akuten Bedrohung ihres Lebens doch lieber in heimische Regionen zurückkehren wollen.
Deutsche oder auch österreichische Menschen beim Baden zu sehen, ist grundsätzlich ebenso wenig
„unzumutbar“, wie umgekehrt der Anblick von Salafisten-Mänteln, Rauschebärten und schwarzer
Verschleierung den je „Einheimischen“ unzumutbar sein darf. Es ist daher nicht angezeigt, hierzulande
muslimische Menschen am Tragen ihrer politischen „Tracht“ und religiöser bzw. ritueller Bekleidung
zu hindern. Man hindert ja auch jüdische Gelehrte oder katholische Priester, Bischöfe oder
christliche Klosterfrauen nicht daran, in traditioneller Kleidung, Talar oder Habit die Straße zu queren.
Allerdings sind einige sicherheitsrelevante Situationen für alle gleichermaßen auszunehmen, dazu
zählt etwa die Entschleierung bei der Pass- und Sicherheitskontrolle an Flughäfen oder vor Gericht.
Die Unterwerfung von Angehörigen der jeweils einen Tradition oder Religion unter die gedachten
oder realen Sitten der je anderen Tradition oder Religion im eigenen Heimatland ist sinnlos und
daher nicht zu fordern. Sehr wohl entspricht es dem guten Benehmen, im jeweiligen Gastland
respektvoll die dort vorhandenen Sitten zu achten.
Eine Selbstbeschränkung der jeweiligen GastgeberInnen, bloß um vermutete Irritationen oder gar
„Sanktionen“ in Form von spontanem Protest oder gar Übergriffen der jeweiligen Gäste zu vermeiden,
ist in mehrfacher Hinsicht absurd. – Niemand ist beispielswese gezwungen, beim Nacktbaden
mitzumachen, im umgekehrten Fall kann niemand gezwungen werden, die eigene Tradition –
sei das auch das fünfmalige Gebet gegen Mekka – zufällig anwesender Gäste (etwa gar Naturisten?)
wegen – im eigenen, etwa muslimischen Land zu unterlassen. Bleiben wir also dabei.
Setzten wir statt „Naturismus“ beispielsweise „Religion“ oder etwa „Soziale Marktwirtschaft“, wird
deutlich, worauf „die Gesellschaft der Gastgeber“ nicht verzichten wird – nicht verzichten soll:
Niemand käme auf die Idee, etwa die „Soziale Marktwirtschaft“ ohne schlüssigen Grund aufzugeben,
bloß weil andere Menschen womöglich im Ruf stehen, den Kommunismus zu schätzen und sich daher
an dem Vorhandensein „Sozialer Marktwirtschaft“ in dieser Gesellschaft möglicherweise zu empören.
Das Bekenntnis zu sich selbst und zu den eigenen Überzeugungen führt dazu, dass der Beliebigkeit
der Moderne – oder gar der Unterwerfungspraxis unter phantasierte Meinungen phantasierter
Mehrheiten – etwas wie „Haltung“ entgegengesetzt werden muss, selbst dann, wenn man durchaus
bereit ist, die eigene Position zu hinterfragen und im Vergleich mit anderen zu diskutieren. Gibt es
aber keine „Kontur“, so wird bald auch die Substanz nicht mehr anerkannt. So kann eine Kultur absterben.
Wollen wir das tatsächlich aus lauter nachgehend-vorauseilender Freundlichkeit zulassen?
Zur friedlichen Selbstbehauptung einer Gruppe, gar Kultur, reicht also das Beklagen und Vermeiden
unerwünschter Entwicklungen nicht aus. Denn wird eine legale Position nicht besetzt, so wird derselbe
Raum „rechtsfrei“ und kann in der Folge von Andersdenkenden besetzt werden. Im Fall des
Naturismus ist dies ebenso unerwünscht wie im Fall der bestehenden säkularen, „christlich-sozialen“
Gesellschaften Mitteleuropas.
Insofern sollte mit Rücksichtnahme auf NaturistInnen der „World Naked Bike Ride“ am selben Ort als
„Kundgebung“ angemeldet werden, die Flüchtlinge werden bereits über das Nacktbaden im deutschsprachigen
Raum aufgeklärt, daher ist dieses an den traditionellen Orten auch uneingeschränkt weiterzuführen.
BürgermeisterInnen und vergleichbare (kommunale) EntscheidungsträgerInnen sollten ehrlich und
ruhig befragt werden, ob nicht etwa die „Flüchtlinge“ in Wahrheit als willkommener Vorwand für
eventuell lang gehegte, doch eher persönlich motivierte Eingriffe in die Freiheiten anderer herhalten
müssen.
Vorauseilender Gehorsam ist im Grunde immer eine Vermeidungs-Reaktion aus Angst vor der Macht
anderer, die man als unausweichlich hinnimmt, derenWunsch man daher vorweg phantasiert und
entsprechend zu einem frühen Zeitpunkt „willfährig“ reagiert, bevor überhaupt ein Wunsch auf dem
Tisch ist. – So funktioniert das nicht, solches ist „als für NaturistInnen inakzeptabel“ anzuerkennen
und ist deren unaufdringlicher Lebensstil zu respektieren.
NaturistInnen mögen darauf achten, dass ihnen nicht die Gefahr der Unterdrückung auf Grund von
Annahmen über die möglichen Vorlieben von Fremden oder wohl auch von einheimischen „Nicht-
Naturisten“ drohe. Die Lösung ist wie immer, miteinander zu reden: Suaviter in modo – fortiter in re.
(Volkmar Ellmauthaler,Wien: http://medpsych.at – Bücher: http://medpsych.at/Buecher.pdf )

Layout Type

Presets Color

Background Image