Die sogenannte natürliche Schamhaftigkeit des Menschen

DIE SO GENANNTE NATÜRLICHE SCHAMHAFTIGKEIT DES MENSCHEN
Gedanken zu einem der am weitesten verbreiteten Vorurteile
von Roman Schrittwieser
Revidierte Fassung

VORWORT
Was ursprünglich bloß als leidenschaftliches Plädoyer für den Naturismus1 gedacht war (und dessen erster und zweiter Abschnitt in gekürzter Form bereits in fünf Teilen in der österreichischen Naturismuszeitschrift "Nahtlos Braun" erschienen sind2) entwickelte im Laufe der Zeit ein gewisses Eigenleben. Manchmal kam es mir so vor, als würde das intensive Nachdenken über das Thema Naturismus nacheinander verschiedene Schleusen in meinem Verstand öffnen und mit der Zeit wie Dominosteine einen nach dem anderen von jenen Vorurteilen und Denkschemata und jenen landläufigen unreflektierten Ansichten zu diesem Thema zu Fall bringen.
Waren es zunächst nur moralische und weltanschauliche Argumente, die sich mir gegen eine unnatürliche und unnötige Verhüllung unseres Körpers aufdrängten, so fand ich bald auch ganz handfeste Hinweise darauf, dass der Temperaturregelmechanismus unserer Körper zumindest während eines heißen Sommers nicht für Kleidung gedacht ist und bei unnötiger Verhüllung mitunter sogar gesundheitliche Schäden verursachen kann. Daher gelange ich im ersten Teil meiner Abhandlung zwangs-läufig zu dem logischen Schluss, dass die Scham oder Schamhaftigkeit, die von den allermeisten Leuten – aber ganz besonders natürlich von Moralisten aller Schattierungen – leider immer noch für eine "natürliche" Eigenschaft des Menschen gehalten wird, und daher einen wesentlichen und für völlig selbstverständlich erachteten Bestandteil der Moral auch nicht-religiöser Menschen darstellt, weder angeboren noch natürlich ist, sondern etwas Künstliches, Überflüssiges, Anerzogenes und manchmal sogar Gesundheitsschädliches und Aggressionsförderndes ist.


Der nächste logische Schritt war, nach den möglichen Ursachen für die leider immer noch weltweit verbreitete Schamhaftigkeit zu suchen. Hierbei musste ich mich auf fremdes Gebiet begeben, weil ich weder ausgebildeter Psychologe, Soziologe, Anthropologe noch Historiker bin sondern Physiker und daher manchmal nur rationale Überlegung, meinen Hausverstand, meine Allgemeinbildung und mein Gefühl her-anziehen konnte. Es mag daher sein, dass die im zweiten Teil dieser Abhandlung folgenden laienhaften Überlegungen bei Anthropologen, Soziologen, Psychologen, Kulturhistorikern oder Völkerkundlern, von Theologen ganz zu schweigen, nur ein her-ablassendes Lächeln ernten oder gar auf vehemente Ablehnung stoßen werden. Ich bin nicht so arrogant, dass ich mir einbilde, ich hätte der Weisheit letzten Schluss entdeckt oder den Schlüssel für ein zukünftiges friedliches Zusammenleben der Menschen gefunden, auch wenn es manchmal den Anschein haben mag. Aber dennoch glaube ich, einen Zipfel der Wahrheit entdeckt zu haben, wenn ich zu dem Schluss gelange – auch wenn es für konservative Menschen natürlich eine extrem provokante Behauptung darstellt –, dass jede Art Religion, die den Menschen in eine "reine" (angeblich unsterbliche) geistige und eine "schmutzige" (schwache, sterbliche) körperliche Hälfte teilt, nicht nur eine naturwissenschaftlich völlig unhaltbare Behauptung aufstellt und somit für die Entstehung der Schamhaftigkeit verantwortlich ist, sondern auch die indirekte Ursache für die trotz aller Liberalisierung in den meisten Köpfen unbewusst oder bewusst immer noch höchst präsente Sexual- und Körperfeindlichkeit der Menschen ist.
Aber wie dem auch sei, eines wurde mir während meines Nachdenkens auf alle Fälle sehr bald klar, auch wenn es selbst viele Naturisten vielleicht nicht wahrhaben wollen, und das bildet schließlich den dritten und vierten Teil meiner Abhandlung: Es besteht ein enger ursächlicher Zusammenhang zwischen Religiosität, sexueller Prüderie, Schamhaftigkeit und Aggressivität. Aus diesem Grunde sind diese beiden Teile besonders für gläubige Menschen sicherlich am provokantesten. Aber selbst wenn ich persönlich nicht wirklich gläubig bin, so bin ich der festen Überzeugung, dass gerade tief gläubige Menschen, die jedoch nicht unbedingt an den Gott der Bibel, der Korans oder der Thora oder sonst eines religiösen Buches glauben und das wortwörtlich nehmen, was in diesem Buche steht, sondern die eher ihr Innerstes befragen, ihr eigenes, eigentliches Gottesbild und Gottesverständnis suchen, und Menschen, die bereit sind, eine selbstverantwortliche und nicht von oben verordnete Gläubigkeit zu suchen und zu leben, eigentlich keinen wirklichen Atheismus in meinen Ausführungen finden dürften. Auf keinen Fall will ich religiöse Menschen mit meinen Ausführungen provozieren oder gar beleidigen, aber zumindest wachrütteln, zum Nachdenken bringen, und dazu bringen, nicht alles blindlings nachzubeten, nicht alles für bare Münze zu nehmen, was vor allem katholische Priester und Prediger tagtäglich von sich geben. Und vielleicht ist es wirklich so, wie, glaube ich, der englische Schriftsteller C.S. Lewis einmal gesagt hat, dass Atheisten diejenigen sind, die am lautesten nach Gott rufen und am verzweifelten nach Ihm suchen.
Sicher haben sich auch schon viele andere und viel berufenere WissenschaftlerInnen verschiedenster Wissensgebiete mit all diesen Themen befasst, und es kann daher sein, dass ich mich mit meiner Abhandlung in eine ähnliche Situation begebe wie jene versponnenen Menschen, deren "wissenschaftliche" Werke ich früher, als ich noch für die Bibliothek unseres Institutes verantwortlich war, immer unter "pathologischer Physik" abgelegt und als Kuriosa aufbewahrt habe, um gelegentlich darin zu blättern und mich im Kreise der Kollegen darüber zu amüsieren. Es handelte sich dabei meistens um blutige physikalische Laien, die kaum jemals ein einschlägiges Studium absolviert haben, aber dennoch glauben, ausgerechnet sie hätten die schwierigsten Fragen der modernen Physik auf dem Gebiet der Energie- oder Elementarteilchenphysik, der Kosmologie oder der allgemeinen Relativitätstheorie gelöst und hätten damit die Lösung aller Probleme der Menschheit gefunden und müssten diese damit beglücken.
Aber selbst auf die Gefahr hin, dass ich mich daher jetzt womöglich als eine Art "pathologischer" Anthropologe oder Psychologe betätige, möchte ich meine Gedanken zur so genannten natürlichen Schamhaftigkeit hier doch einmal zu Papier bringen und damit zur Diskussion stellen. Für jeden Hinweis auf Irrtümer, Widersprüche, Fehler und so weiter werde ich sehr dankbar sein.
Die Abhandlung ist organisch gewachsen und enthält daher Wiederholungen und vielleicht auch noch einige Widersprüche. Aber ich hoffe und glaube, dass das für den/die LeserIn nicht langweilig sondern vorteilhaft ist, denn einerseits sind so meine im Laufe von fast fünf Jahren organisch gewachsenen Gedankengänge viel-leicht einfacher nachvollziehbar, andererseits halte ich es für dringend notwendig, verschiedene Dinge immer wieder zu betonen, dem/r geneigten LeserIn, mit Verlaub,
immer wieder einzuhämmern. Nur so ist es möglich, eingefahrene Denkschemata zu hinterfragen, vielleicht zu ändern und schließlich über Bord zu werfen. Was ich also vor allem erreichen will, ist, einen Denkanstoß in die richtige Richtung zu mehr Natürlichkeit im Umgang mit unserem Körper, zu weniger Verklemmtheit und weniger daraus resultierender Aggressivität zu geben.
Ich habe kein richtiggehendes Quellenstudium betrieben, und kenne auch nicht die einschlägige Literatur über den Naturismus und die Freikörperkultur. Ich ließ mich vielfach, wie schon gesagt, von logisch-rationalen Überlegungen, vom so genannten Hausverstand und – das möchte ich ganz ausdrücklich betonen – von meinem Gefühl für Recht und Unrecht und für Schönheit und Hässlichkeit leiten, mag sich dies nun positiv oder negativ ausgewirkt haben. Zutiefst beeinflusst haben mich allerdings die beiden Bücher "Das Kreuz mit der Kirche" und "Abermals krähte der Hahn" von Karl-Heinz Deschner und das Buch "Eunuchen für das Himmelreich" von Uta Ranke-Heinemann sowie die wahrhaft revolutionären Gedanken Wilhelm Reichs.
Fünf Postulate möchte ich aus meinen Überlegungen ableiten:
♦ Der einzige Grund für Kleidung sei der Schutz vor Umwelteinflüssen wie zum Beispiel die Witterung.
♦ Jede unnötige Verhüllung des menschlichen Körpers ist eine Art Maske und enthält ein Element der Lüge.
♦ Nacktheit hat a priori nichts mit Erotik oder Sexualität zu tun, kann und darf aber sehr wohl erotisch sein.
♦ Nacktheit ist natürlich, schön, wunderbar und gesund.
♦ Nacktheit öffnet den Blick für die wesentlichen Dinge im menschlichen Leben, löst Verklemmungen und ist daher auch aggressionshemmend.
Roman Schrittwieser Innsbruck, im März 1995

1. KAPITEL NACKTHEIT UND SCHAMHAFTIGKEIT
Und so macht man es innerhalb jeder herrschen-den Moral und Religion und hat es von jeher gemacht: die Gründe und Absichten hinter der Gewohnheit werden immer zu ihr erst hinzugelogen, wenn einige anfangen, die Gewohnheit zu bestreiten und nach Gründen und Absichten zu fragen. Hier steckt die große Unehrlichkeit der Konservativen aller Zeiten: – es sind die Hinzulügner.
Friedrich Nietzsche
Ich weiß nicht mehr, wann es war, als mich zum ersten Mal fragte, welchen Sinn die menschliche Kleidung hat. Sicherlich haben sich diese Frage schon eine Menge gescheiter Leute gestellt und sicherlich viele tiefgründige Antworten darauf und auf das Rätsel des menschlichen Schamgefühls gefunden. Ich für meinen Teil kam zu der folgenden höchst einfachen Antwort: Der einzige Zweck der Kleidung kann nur der sein, unseren von der Zivilisation verwöhnten menschlichen Körper vor den Unbilden der Witterung oder sonstiger schädlicher Umwelteinflüsse zu schützen.
Selbstverständlich muss ich mir etwas anziehen, wenn es draußen zu kalt ist, regnet oder gar schneit, oder eventuell auch dann, wenn die Sonne so stark scheint, dass ich einen Sonnenbrand oder -stich riskiere. Und in diesem Zusammenhang bereitet mir die abnehmende Ozonschicht und der dadurch zunehmende Ultraviolettanteil der Sonnenstrahlung, der angeblich schon weltweit die Hautkrebsrate ansteigen lässt, gewisse Sorgen, könnte diese Entwicklung doch dazu führen, dass wir alle über kurz oder lang gezwungen sein könnten, unseren Körper im Freien selbst bei strahlendem Sonnenschein sorgfältig zu bedecken. Aber seien wir für den Augenblick zuversichtlich und hoffen wir, dass die weltweite Produktion an Fluorchlorkohlenwasserstoffen rechtzeitig genügend eingeschränkt werden kann, beziehungsweise dass die Berichte über die verschiedenen Ozonlöcher und über die daraus folgende Zunahme des schädlichen UV-Lichtes über der Antarktis und der Arktis stark übertrieben oder überhaupt falsch sind, wofür es zumindest einige konkrete Anzeichen gibt.
Und da erhebt sich für mich ganz einfach die Frage, warum soll ich mir an einem warmen Sommertag in einem Schwimmbad oder in einem gut geheizten Hallenbad überhaupt etwas anziehen? Warum soll ich mir ausgerechnet dann, wenn es schön warm ist, und wenn ich mich unbehindert im warmen Wasser eines Schwimmbades aalen möchte, ein Stück Stoff ausgerechnet um einen Teil des Körpers binden, der besonders kälteempfindlich ist, nämlich eine Badehose, die nach dem heraus Steigen aus dem Wasser wegen der Verdunstungskälte feucht, klamm und beengend an mir klebt? Und wer findet eine rationale Antwort auf die Frage, die mir mein damals zehnjähriger Sohn während eines FKK-Urlaubes in Frankreich stellte: Warum bedeckt man beim ("normalen") Baden ausgerechnet die Geschlechtsteile und nicht zum Beispiel die Nase?
Ich bin mir schon darüber im Klaren, dass es auf diese Fragen eine scheinbar einfache Antwort gibt: weil in unserer westlichen Zivilisation vor allem unter dem Einfluss der Kirche Nacktheit Jahrhunderte lang als unzüchtig galt. Aber eine derartige Antwort erklärt gar nichts, und darum will ich es mir nicht so einfach machen. Ich bin vielmehr der festen Überzeugung, dass wir, so wie bei allen so genannten Moral-geboten, auch bei der Frage des so genannten "natürlichen" Schamgefühles nicht auf die uns eingeimpften oder – oft genug - eingebläuten körperfeindlichen Ansichten aus früheren Zeiten hören sollten, sondern wir sollten immer versuchen, uns ein eigenes, vor allem aber rationales Urteil zu bilden. Und wenn ich dies tue, will mir beim besten Willen kein rationaler Grund einfallen, warum ich meinen Körper oder im Besonderen meine Geschlechtsteile verbergen sollte, denn deren Anblick schadet niemandem! Nacktheit hingegen ist gesünder (siehe weiter oben), angenehmer, entspannender, aggressionshemmender und fördert damit das seelische und leibliche Wohl-befinden. Und damit fällt das ganze Nacktheitstabu früherer Zeiten in sich zusammen!
Ich kann beim besten Willen nicht glauben, dass es so etwas wie ein natürliches oder gar angeborenes Schamgefühl gibt, wobei ich in meinen folgenden Ausführungen unter dem Begriff "Scham" ausschließlich jene merkwürdige irrationale Angst verstehen möchte, die auch heute noch die meisten "modernen" Menschen dabei empfinden, wenn sie sich vor anderen, ebenso unbekleideten Menschen nackt bewegen sollten. Nur gegen diese Art von Scham habe ich etwas einzuwenden, und ich halte sie keineswegs für natürlich oder gar angeboren, während jenes Schamgefühl, das anständige Menschen empfinden, wenn sie etwas Böses getan haben, gut und richtig ist! Und das ist ja auch die eigentliche ursprüngliche und ausschließliche Bedeutung des Wortes "Scham". Nur unsere in dieser Beziehung reichlich verkorkste Zivilisation hat hier zu einer völligen Begriffsverwirrung geführt mit dem Resultat, dass heute jeder Mensch beim Wort "Scham" zu aller erst an Nacktheit denkt.
Und in diesem Sinne sehe ich wiederum keinen rationalen Grund dafür, warum ein Kind von selber überhaupt so etwas wie Schamhaftigkeit entwickeln sollte. Die Tatsache, dass alle Kinder früher oder später Schamgefühle zeigen, lässt sich ganz einfach damit erklären, dass wir alle eben unvermeidbar auch Produkte der äußeren Einflüsse sind. Jedes Kind, auch eines von Naturisten, kriegt unweigerlich früher o-der später mit, dass sich die meisten anderen Erwachsenen und Kinder merkwürdig verhalten, wenn sie sich entkleiden sollen. Wir sollten Kinder nicht für dumm halten: auch ohne die geringste Unterweisung oder Erziehung zur Prüderie wird ein Kind, das mit seinen Eltern nur Textilbäder oder Strände besucht, natürlich früher oder später zu der Ansicht gelangen, dass alles das, was die Menschen unter der Badehose verbergen, etwas Schmutziges, "Sündhaftes" oder Lächerliches sein muss, dessen es sich schämen müsste. Ich bin jedoch zutiefst davon überzeugt, dass ein Kind in einer reinen "FKK-Gesellschaft", falls es so etwas gäbe, in der sich also alle Menschen wirklich nur dann etwas anziehen, wenn es die Umgebungstemperatur oder die Witterung gebietet, auch kein Schamgefühl entwickeln wird. Warum sollte es auch?!
So wie alle Tiere werden auch wir Menschen nackt geboren. Und trotz seiner angeblichen Vernunft ist der Mensch das einzige Lebewesen auf Erden, das sich seines Körpers so sehr schämt, dass es bestimmte Körperteile fast immer und fast über-all bedeckt hält. Und die einzige Begründung dafür, die man/frau von Moralaposteln selbst heute noch meistens zu hören kriegt, ist die, dass der Anblick unbedeckter Geschlechtsteile unbedingt zu sexueller Erregung und damit zur "Unzüchtigkeit" führen müsse. Dabei gibt es auch für diese Behauptung keinerlei rationalen Grund. Naturisten wissen das sehr gut. Der Rest der Menschheit ist aus unerfindlichen Gründen offensichtlich anderer Meinung. Aber so wie heute eine Frau nur mehr dann Aufsehen erregen würde, wenn sie sich in einem Textilschwimmbad völlig entkleidete, so haben vor zwanzig Jahren die ersten Frauen, die mutig genug waren, ihren Bikiniober-teil abzulegen, ungeheures Aufsehen erregt. Heute würde sich bei uns kaum mehr ein Mann deswegen den Kopf verrenken. Und in ähnlicher Weise haben die ersten Bikinis vor vierzig Jahren Aufsehen erregt, und vor ca. siebzig Jahren die ersten Frauen, die keine ganzen Badekostüme sondern nur mehr Einteiler trugen.
Was ich damit beweisen will, ist folgendes: Es kommt immer auf die jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse an, was als "unzüchtig" betrachtet wird und was andererseits niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlockt, aber es ist kein Naturgesetz, dass der Anblick bestimmter Körperteile unbedingt zu sexueller Erregung führen muss. In manchen islamischen Ländern gilt ja sogar heute noch der Anblick der Kopfhaare (Iran) und des Gesichtes (Saudi Arabien, Afghanistan, Jemen) einer Frau als erregend, weshalb diese armen Geschöpfe in der Öffentlichkeit selbst bei größter Hitze immer auch einen "Schador", einen Schleier, eine Gesichtsmaske oder sogar eine den ganzen Körper verhüllende, sackartige Burka tragen müssen.
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Es war vor allem der Freud-Schüler Wilhelm Reich, der die verhängnisvollen Auswirkungen der Körperfeindlichkeit auf die Menschen aufgezeigt hat. Nach Reich führt vor allem die Unterdrückung des Sexualtriebes durch irrationale und daher völlig unnötige Tabus und damit die Abtötung des wohl schönsten Geschenkes der Natur oder Gottes an die Menschen zu einer seelischen "Panzerung" und dadurch zu erhöhter Anfälligkeit für Neurosen und zu Aggressivität gegen Mitmenschen und gegen sich selbst. Ich stelle hier die sicherlich etwas zu vereinfachende Hypothese auf, dass wir die logischen Folgerungen Reichs analog auf die Nacktheit des Menschen über-tragen können: Menschen, die ihren natürlichen Körper ängstlich auch dann mit et-was Künstlichem bedecken, wenn es gar nicht nötig wäre (siehe weiter oben), verhüllen und "panzern" auch ihre Seele und tun sich daher viel schwerer, ihren Mitmenschen vertrauensvoll zu begegnen. Sie neigen vielmehr zu verstärktem und unnötigem Misstrauen, woraus wieder Vorurteile, Aggressivität und Hass entstehen.
Schauen wir uns doch nur um in der Welt und wir werden feststellen, dass in jenen Länder, in denen auch heute noch ein hohes Maß an innerer und äußerer Aggressivität herrscht, sei es entweder in Form eines totalitären Regimes, das sein eigenes Volk unterdrückt oder andere Länder mit Krieg überzieht, in Form eines allgemeinen oder vom Staat verordneten religiösen Fanatismus oder in Form einer extrem hohen Kriminalitätsrate, sehr oft auch ein hohes Maß an Prüderie und Körperfeindlichkeit herrscht. Es ist nichts Neues, dass die Amerikaner trotz all ihrer bürgerlichen Freiheiten in Wahrheit ein sehr prüdes Volk sind, in dem jedwede Nacktheit in viel höherem Ausmaß als bei uns tabuisiert und mit "Unkeuschheit" gleichgesetzt wird.
Das extremste Beispiel in dieser Hinsicht sind jedoch die islamischen Länder. Ein FKK-Gelände oder Strand in einem Land wie Ägypten wäre völlig undenkbar, und jeder Mensch, der sich im Iran oder in Saudi Arabien in aller Öffentlichkeit entkleidete, würde wohl sofort gesteinigt. Und wie viel Hass, Aggressivität, Intoleranz, Krieg und Bürgerkrieg gibt es selbst heute noch in diesen Ländern? Denken wir nur an die jahrzehntelange Todfeindschaft gegen Israel, an den Krieg zwischen dem Irak und Iran in den achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts, den brutalen Überfall des Irak auf Kuwait im Jahre 1990, an den fast 15 Jahre dauernden Bürgerkrieg im Libanon und die schauerlichen frauen- und körperfeindlichen Auswüchse der Taliban-Regierung in Afghanistan!
Aber auch im Falle des entsetzlichen jugoslawischen Bürgerkrieges der neunziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts lässt sich eine Korrelation zwischen Verklemmtheit und Aggressivität finden, wobei in diesem Fall sogar zwei nach wie vor totalitäre oder fast totalitäre Regime, nämlich jenes in Restjugoslawien und jenes in Kroatien, zwei verschiedene christliche Religionen und der Islam aufeinander trafen. Für mich ist es, abgesehen von allen ethnischen Implikationen, die bei genauerem Hinsehen eigentlich gar nicht vorhanden sind, – zwischen einem Kroaten und Serben besteht außer dem katholischen Glauben einerseits und dem orthodoxen Glauben andererseits weniger ethnische und sprachliche Unterschiede als zwischen einem Tiroler und einem Vorarlberger, und zwischen einem "echten", das heißt moslemischen Bosnier und einem in Bosnien-Herzegownia lebenden "Kroaten" oder "Serben" besteht überhaupt nur der Unterschied zwischen der christlichen und der islamischen Religion – leider überhaupt nicht erstaunlich, dass es zu diesem Krieg, und dass es dabei zu derart entsetzlichen Ausschreitungen gegen die Zivilbevölkerung und besonders gegen Frauen kam.
Und vergleichen wir damit andererseits jenes hohe Maß an innerem Frieden und relativer persönlicher Ausgeglichenheit, das in Ländern wie Österreich, Deutschland oder noch viel mehr in Dänemark oder Schweden herrscht. Besonders im letztgenannten Land ist das Nacktbaden ja schon viel länger bekannt und beliebt als bei uns.
Menschen, die sich immer wieder Sorgen darüber machen müssen, ob sie wo-möglich ungenügend oder richtig bekleidet sind und daher Anstoß erregen könnten, können selten ganz ausgeglichen und völlig mit sich selbst im Reinen sein. Menschen hingegen, die sich nicht immer wieder den Kopf darüber zerbrechen, welche schönen neuen Kleider und Gewänder sie sich kaufen könnten, um "in" zu sein, haben meistens auch ein viel unverkrampfteres Verhältnis zu ihrem Körper und zu ihrer Seele, sind also viel eher fähig, sich so zu akzeptieren, wie sie sind. Solche Menschen, denen Bekleidung nicht allzu wichtig ist, weil diese für sie vor allem den Zweck hat, sich vor der Witterung zu schützen, aber nicht den, angeblich unzüchtige Köperteile zu verhüllen, werden meistens auch weniger Lust haben, sich in eine "schmucke" Uniform stecken zu lassen, um irgendeinem Phrasen dreschenden Diktator hinterher-zulaufen.
Ich weiß schon, dass ich bei meiner Analyse sehr vereinfache und dass ich vor allem die ganze Problematik der enormen sozialen Gegensätze in vielen Ländern mit inneren Spannungen ignoriere, Gegensätze, die selbstverständlich auch, oder sogar vor allem, zu erhöhter Aggressivität innerhalb der Bevölkerungen führen. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass das Verhältnis der Menschen zu ihren Körpern sehr wohl einen schon bestehenden inneren Unfrieden je nachdem entweder verstärken oder dämpfen kann.
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Wenn wir heute in ein Museum gehen und dort vielleicht einen mittelalterlichen Keuschheitsgürtel sehen, so ist unsere erste Reaktion wahrscheinlich Heiterkeit. Aber wenn wir uns überlegen, dass manche Ritterfrauen diese barbarischen Vorrichtungen tatsächlich tragen mussten, um zu verhindern, dass sie während der Abwesenheit ihrer Gatten diesen etwa untreu wurden, so kann uns nur mehr Unverständnis und Ab-scheu erfüllen. Da die Ritter in diesen Zeiten sehr oft auf Kreuzzüge oder sonstige lange, und ebenso sinnlose und grausame Kriegszüge gingen, bedeutete dies für die zurückbleibenden Ehefrauen oft ein jahrelanges ununterbrochenes Tragen dieser frauenfeindlichen Folterinstrumente (während hingegen den Kreuzzügen sehr wohl ganze Karawanen von Freudenmädchen folgten!). Einmal abgesehen von den hygienischen Problemen, die sich aus dieser widerlichen Unsitte ergaben, wird wohl heut-zutage jeder vernünftige Mensch zustimmen, dass dies auch eine unerhörte seelische Folter für die Frauen bedeutet hat. (Leider ist jedoch zu befürchten, dass es selbst heute noch, besonders im islamischen Kulturkreis oder in Süditalien oder Lateinamerika, genügend Machos gibt, die derartige Methoden gutheißen würden.)
Während also vernünftige und aufgeklärte Menschen über das Tragen eines Keuschheitsgürtels heutzutage nur mehr den Kopf schütteln können, findet es die überwiegende Mehrheit derselben Menschen völlig selbstverständlich, etwas zu tun, was für mich vergleichbar ist, nämlich bestimmte Teile ihres Körpers fast immer und fast überall zu verhüllen, und zwar die Geschlechtsteile. Ja, ich möchte so weit gehen, die Badekleidung als modernen Keuschheitsgürtel zu bezeichnen, denn auch sie hat keinen anderen Zweck, als eine angebliche Unkeuschheit zu verhindern, jene nämlich, die nach Meinung von verklemmten, meist religiös fanatischen oder fundamentalistischen Pseudomoralisten darin liegt, den nackten Körper eines Menschen des anderen Geschlechtes zu sehen und sich daran womöglich zu erregen.
Ich hoffe, dass irgendwann die Zeit kommt, in der sich die Menschen über die heutige Badekleidung genauso empören, wie wir über den mittelalterlichen Keuschheitsgürtel, oder amüsieren, wie wir über die Badekleidung der Jahrhundertwende, weil es für sie selbstverständlich geworden ist, sich nur dann zu bekleiden, wenn es die Witterung oder sonst ein schädlicher Umwelteinfluss erfordert.
Ich frage mich in der letzten Zeit immer öfter und immer besorgter, wie es um den Geisteszustand angeblich intelligenter Lebewesen bestellt sein muss, die sich ihres Körpers so sehr schämen, dass sie bestimmte Teile – ich muss mich hier wieder-holen – fast immer und fast überall bedecken. Gerade für Menschen, die an ein göttliches Wesen glauben, müsste es doch geradezu ein Sakrileg und eine Beleidigung Gottes darstellen, wenn sie ihren "von Gott geschaffenen Körper" auch dann verhüllen, wenn es warm genug ist, unbekleidet herumzulaufen; so als ob diesem unfehlbaren Gott bei der Erschaffung des menschlichen Körpers ein Fehler unterlaufen wäre! Und wie ist es um die Psyche dieser angeblich intelligenten Lebewesen namens Menschen bestellt, wenn sie ausgerechnet die Geschlechtsorgane als hässlich, schmutzig und unzüchtig bezeichnen, jene Organe, die wohl die wichtigsten des menschlichen Körpers überhaupt sind, dienen sie doch einerseits dem Fortbestand der Menschheit und andererseits dem körperlichen Ausdruck des wohl schönsten Gefühls zwischen Menschen verschiedenen Geschlechtes, nämlich der Liebe zwischen Mann und Frau?
Ich bin mit dem Freud-Schüler Wilhelm Reich davon überzeugt, dass gerade die Tabuisierung der menschlichen Sexualität und des menschlichen Körpers schlechthin eine der Wurzeln des Jahrtausende alten Selbsthasses der menschlichen Rasse ist, der
in dieser Zeit mit der Umweltverschmutzung, dem jugoslawischen Bürgerkrieg und den vielen übrigen Krisenherden in aller Welt wieder einmal einen Höhepunkt erlebt.
Was geht im überwiegenden Teil der Menschen vor, die unsere traditionellen Bekleidungsvorschriften niemals in Frage stellen? Ja, die niemals in ihrem Leben auch nur auf die Idee kommen, dass es vielleicht gar nicht so selbstverständlich sein könnte, ihre Körper, teilweise oder ganz, fast immer und fast überall, zu verhüllen? Haben wir, als intelligente, reflektierende Lebewesen, als die (anscheinend) einzigen Lebewesen auf Erden, die sich ihrer eigenen Existenz bewusst sind, nicht geradezu die Pflicht, alle tradierten Sitten und Gebräuche, auch die scheinbar bewährten, immer wieder in Frage zu stellen, um nicht in starre Denkschemata, also Vorurteile, zu verfallen, die doch im Laufe der Geschichte immer wieder so viel Unheil über die Menschheit gebracht haben?
Immer wieder finden wir leider Beispiele dafür, wie völlig selbstverständlich es für die meisten Menschen zu sein scheint, auf jeden Fall die Geschlechtsorgane so gut wie immer und so gut wie überall ängstlich zu bedecken. Aber wenn wir genauer hinschauen, wirken die meisten dieser Beispiele für ein naturistisches Auge geradezu lächerlich:
Da gibt es zum Beispiel in der Tiroler Tageszeitung und wahrscheinlich ebenso in anderen Zeitungen regelmäßig im Frühsommer Berichte über zunehmende Harnwegserkrankungen bei Frauen infolge von Unterleibsverkühlungen, die von nassen Badehosen verursacht werden (was wohl teilweise auch Männer betreffen wird). Dieser Bericht erinnerte mich unwillkürlich an den alten Witz von demjenigen, der beim Kaffeetrinken immer einen stechenden Schmerz im rechten Auge verspürt, aber nicht auf die Idee kommt, dass es klug wäre, vorher den Kaffeelöffel aus der Tasse zu nehmen, weil es dieser ist, der sich ihm ins Auge bohrt. Ebenso ist es mit Unterleibsverkühlungen und den daraus entstehenden Erkrankungen: nur eine winzige Minderheit kommt auf die einzige richtige und einfachste Idee, die Unterkühlung des Unterleibs durch nasse Badehosen zu vermeiden, nämlich sich die Badekleidung einfach zu ersparen!
Ein völlig anderes Beispiel: In der ansonsten entzückenden neuen amerikanischen Comic-Strip-Serie "Calvin and Hobbes" stieß ich auf folgende Szene: der klei-ne Calvin ist gerade im Begriffe, ganz langsam in einen Teich hinein zu steigen, dessen Wasser anscheinend saukalt ist. (Unnötig zu erwähnen, dass er natürlich eine Badehose anhat. Schließlich handelt es sich um eine amerikanische Serie!) Dabei gibt Calvin seinem Tiger Hobbes folgende, wie immer geradezu philosophische Erklärung: "Das Schlimmste ist es jedoch, wenn die Badehose nass wird. Sobald sie das Wasser berührt, saugt sie sich voll und macht einen nass, bevor man darauf gefasst ist." Sofern wir jemals in Badekleidung gebadet haben, kennen wir diese Erscheinung natürlich ebenfalls sehr gut. Aber was ich wiederum sagen will, ist folgendes: Um die beschriebene Unannehmlichkeit zu vermeiden, würde es einfach genügen, keine Badehose anzuziehen. Aber das käme, besonders für einen "echten" amerikanischen Jungen, natürlich niemals in Frage, denn das wäre ja womöglich unzüchtig oder gar sündhaft. Aber wo in uns steckt diese geistige Blockade, die die überwiegende Mehrheit der Menschen daran hindert, es auch nur einmal ins Auge zu fassen, dass die ständige ängstliche Verhüllung bestimmter Körperteile gar nicht so selbstverständlich sondern vielleicht sogar eine ausgesprochene Schnapsidee sein könnte?
In einer lebhaften Diskussion über dieses Thema verstieg sich ein Freund einmal zu der Behauptung, ihm mache es überhaupt nichts aus, jedes Mal eine trockene Badehose anzuziehen, wenn er aus dem Wasser steigt, um eine Unterkühlung seines Unterleibs zu vermeiden. Leider war es ein Kampf gegen Windmühlen, als ich ihm plastisch zu schildern versuchte, wie sich ein Besuch in einem öffentlichen Schwimmbad bei konsequenter Durchführung seines Prinzips gestalten würde: Zuerst geht er zum Beispiel eine Viertelstunde ins Wasser, dann läuft er möglichst schnell zu den Umkleidekabinen, um sich eine trockene Badehose anzuziehen (denn in aller Öffentlichkeit dürfte er es ja nicht etwa wagen sich umzuziehen) und legt sich für eine halbe Stunde in die Sonne, bis ihm wieder zu heiß wird. Nun steht er aber vor einem Dilemma: soll er sich die natürlich noch nasse erste Badehose wieder anziehen, wofür er einerseits wieder zu den Kabinen laufen müsste und andererseits Gefahr liefe, sich auf dem Weg von der Kabine zum Wasser zu verkühlen, oder springt er mit der zweiten trockenen Badehose ins Wasser, wobei aber diese nun natürlich ihrerseits nass würde. Das heißt, für einen angenehmen Tag im Schwimmbad ohne drohende Unterleibsverkühlung müsste er entweder eine ganze Garnitur Badehosen mitnehmen, um sich nach jedem Sprung ins Wasser eine frische anziehen zu können, oder er müsste sogar jedes Mal vorher und nachher zur Umkleidekabine laufen, um zwischen der nassen und trockenen Hose hin und her zu wechseln.
Leider sind es oft gerade besonders religiöse Menschen, die sich in allen Religionen und Konfessionen durch besondere Verdammung jedweder Nacktheit hervor-tun, und je fundamentalistischer oder fanatischer dieser Glaube ist, umso heftiger ist auch die Ablehnung und Verketzerung aller, die versuchen, ihrem Körper gegenüber ein natürlicheres, weniger verklemmtes Verhältnis zu finden.
Oft sind es folgende Erscheinungen, die auch heute noch in bestimmten Staaten, Gesellschaftsformen oder Ideologien beziehungsweise Religionen gleichzeitig zu beobachten sind und unzweifelhaft miteinander gekoppelt sind (die Liste ist sicher nicht vollständig!):
• Fanatische Religiosität oder fanatische Verfechtung einer Ideologie (zum Beispiel auch des Kommunismus).
• Starker Militarismus und Aggressivität des Staates nach außen und/oder der Staatsbürger untereinander.
• Politischer Konservativismus mit vielfach faschistischen, nationalistischen oder gar rassistischen Zügen.
• Verfolgung von religiösen und ethnischen Minderheiten.
• Unterdrückung und Geringschätzung der Frau.
• Große soziale Probleme und Spannungen innerhalb der Bevölkerungsgruppen.
• Sexuelle Prüderie und allgemeine körperliche Lustfeindlichkeit nach außen, besonders für die Frau.
• Schwerste Sanktionen für alle, die sich gegen die allgemein verordnete Prüderie aufzulehnen wagen.
• Erschreckende Ignoranz und neurotische Verklemmtheit bezüglich der Sexualität.
• Hingegen mehr oder wenig "heimliche" oder augenzwinkernd verheimlichte, aber geduldete sexuelle Freizügigkeit für den Mann (die in Wahrheit auf eine sexuelle Ausbeutung der Frau hinausläuft).
• Vollständige Verdammung und Tabuisierung der Homosexualität.
• Verdammung der Nacktheit als Lust erregend und zur "Unzucht" anstiftend.
• In der Öffentlichkeit mehr oder weniger vollständige Verhüllung des menschlichen Körpers, besonders der Frauen.
Es ist nicht schwer, in unserer gegenwärtigen Welt genügend Beispiele für die oben angeführten traurigen Erscheinungen zu finden, und zwar nicht nur in allen islamischen Ländern sondern zum Beispiel auch in den USA und Lateinamerika oder in den noch kommunistischen Staaten. Die so genannte "Moral Majority" in den USA (die entgegen dieser Bezeichnung zum Glück keine Mehrheit ist) besteht vor allem aus scheinbar sehr religiösen, in Wahrheit aber heuchlerischen, bigotten und verklemmten Calvinisten und Puritanern, auf die viele oder alle der oben angeführten Punkte zutreffen. Und denken wir nur andererseits an die hohe Kriminalitätsrate in Amerika! Aber kein Angehöriger der "Moral Majority" verfiele auf den Gedanken, die, verglichen mit uns Europäern, im allgemeinen höhere Aggressivität der Amerikaner, könnte unter anderem etwas mit der generellen Unterdrückung eines der natürlichsten Gefühle des Menschen zu tun haben, nämlich – im weitesten Sinne – an seinem eigenen Körper Spaß zu haben, anstatt konsequent alles zu unterdrücken und zu tabuisieren, was uns daran erinnert, dass wir vom Tier abstammen.
Als Antithese hiezu möchte ich hier wiederum die skandinavischen Länder an-führen, in denen wir folgende gesellschaftliche Erscheinungsformen finden:
• Hohe Liberalität beziehungsweise weitgehende Gleichgültigkeit den Religionen gegenüber, hingegen so gut wie kein religiöser oder ideologischer Fanatismus.
• Kaum Aggressivität der Staaten nach außen und relativ friedliches Zusammenleben der Staatsbürger untereinander.
• Politische Liberalität und deutlich weniger Faschismus, Nationalismus oder Rassismus.
• Geringe oder gar keine sozialen Spannungen.
• Weitgehende Toleranz religiösen, ethnischen und sozialen Minderheiten gegen-über.
• Weitgehende Gleichstellung der Frau.
• Relative sexuelle Freizügigkeit und geringe Verklemmtheit.
• Lockerer und gelöster Umgang mit der Nacktheit.
Ich erinnere mich heute noch mit einer Mischung aus Amüsement und Ärger an die kaum unterdrückte Erregung und den lächerlichen Stolz, mit der mir während meines einjährigen Forschungsaufenthaltes in den USA im Jahre 1982 ein junger amerikanischer Fachkollege einmal eine Photographie zeigte, die er während einer Österreich-Reise am Wolfgangsee gemacht hatte: Zu sehen war darauf eine Liege-wiese am See und eine winzige Gestalt, an der mir zunächst nichts besonderes auffiel, bis mich mein Kollege aufgeregt darauf hinwies, dass es sich um ein Mädchen ohne Bikinioberteil handelte! Mein dänischer Freund und Kollege Jens hingegen würde sich, auch wenn er kein Naturist ist, nach einem "Oben-ohne"-Mädchen bestimmt nicht einmal umdrehen.
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Meiner Erfahrung nach gibt es unter Nichtnaturisten zwei (äußerliche) Verhaltensgrundformen, wenn sie plötzlich und unvermutet mit nackten Menschen oder
Bildern davon konfrontiert werden: Entweder sie empören sich darüber und verdammen die Naturisten (siehe oben) als "Unzüchtler" und womöglich sogar als Kinderverderber; oder sie lachen über die Nackten. Während die erstere Reaktion meistens fanatisch-fundamentalistisch-religiös begründet ist, stellt das Lachen über die Nacktheit natürlich einen Ausdruck der Verlegenheit dar. Nichtsdestoweniger ist weder die eine noch die andere Reaktion irgendwie rational begründbar.
Über das Verhältnis von Religion und Nacktheit habe ich schon weiter oben an-gemerkt, dass es meiner Überzeugung nach niemals der Wille der Natur oder irgend-eines Gottes gewesen sein kann, dass der Mensch sich auch dann verhülle, wenn es warm genug wäre, unbekleidet herumzulaufen. Warum dennoch in fast allen Religionen und Konfessionen Nacktheit als sündhaft gilt, ist mir ein Rätsel.
Und Nacktheit lächerlich zu finden, ist noch dümmer! Denn was ist an einem nackten Körper denn lächerlich? Auch diese Reaktion ist doch einzig und allein ein Ausdruck eines mehr oder weniger unbewussten Gefühles, der menschliche Körper sei etwas Unvollkommenes, ja sogar Hässliches, dessen wir uns schämen müssten. So ist zum Beispiel eines der Argumente, das Nichtnaturisten dieser Gattung meistens gegen die Nacktheit von sich geben, ein scheinbar ästhetisches: Der Anblick der meisten Menschen sei im unbekleideten Zustand nicht schön. Einmal abgesehen da-von, dass auch eine Badehose einen dicken Bauch, oder ein Badeanzug eine schlaffe Brust nur unzureichend verbergen können, können wir einerseits (in gewissen Grenzen) nichts für unseren Körperbau, und ist andererseits doch das menschliche Schönheitsideal kein absoluter Wert, sondern zum Glück eine Geschmacksfrage, die sich im Laufe der Zeit immer wieder ändert. Abgesehen davon hätten diesem pseudoästhetischen Argument zufolge nur "schöne" Menschen eventuell das Recht sich auszuziehen? Aber in Wahrheit finden ja auch solche Menschen am nackten Körper nur die Geschlechtsteile hässlich und daher lächerlich.
Neben diesen beiden äußerlichen Verhaltensgrundformen gibt es natürlich auch die primitive, aber meistens verheimlichte oder unterdrückte Aufgeilung von Männern über den Anblick einer nackten schönen Frau.
Damit komme ich zu dem sicher heikelsten Teil meiner Ausführungen, nämlich zum Zusammenhang zwischen Naturismus, Erotik und Sexualität. Wiederum glaube ich, dass es grundfalsch wäre, wenn wir etwa den Kopf in den Sand steckten und verleugneten, dass für viele Menschen Naturismus nach wie vor deswegen als unzüchtig gilt, da der Anblick eines wohlgeformten nackten Körpers des (meistens) anderen Geschlechtes ja tatsächlich Lust erregend sein kann. Dies können wir schwerlich bestreiten, denn sonst müssten Naturisten ihre Gelände nicht mit hohen undurchsichtigen Zäunen umgeben. Aber selbstverständlich haben solche Menschen, die den Naturismus verdammen, auch immer ein verklemmtes Verhältnis zur Sexualität, wenn es auch nicht immer auf den ersten Blick erkennbar sein mag. Nur wenn ein Mensch der Meinung ist, Sexualität sei etwas im Grunde Schlechtes, das einzig und allein in der Ehe und auch da nur möglichst lustlos (im Dunkeln, halbangezogen und unter der Bettdecke) und natürlich nur zum Zweck der Fortpflanzung erlaubt ist, wird auch in der Nacktheit etwas Anstößiges finden. Schließlich gibt es auch heute noch katholische Moraltheologen, die der Meinung sind – und diese Meinung leider auch verbreiten – man/frau könne sogar mit seinem eigenen Ehepartner Ehebruch begehen! Aber nicht etwa nur dann, wenn man/frau während des Geschlechtsaktes an eine(n) andere(n) denkt, nein! Sogar dann, wenn man/frau bei der Vereinigung ganz einfach Lust
aneinander empfindet!! Denn körperliche Lust ist noch immer für viel zu viele Menschen das Grundübel der Menschheit, nicht etwa Hass, Geldgier, Machtstreben, Egoismus oder Selbstsucht, nein! Die Lust, die zwei Menschen empfinden, wenn sie sich im Geschlechtsakt vereinigen, ist das Böse in der Welt! Ist das nicht krankhaft?
Was nun die erotische Wirkung eines wohlgeformten nackten Körpers des (meistens) anderen Geschlechtes anbelangt, so glaube ich, müssen wir hier zwei, einander nur scheinbar widersprechende Gesichtspunkte betrachten:
Einerseits ist diese Wirkung nur für denjenigen besonders stark, für den ein nackter Körper etwas Sensationelles, also Ungewohntes, darstellt. Und wie alles Ungewohnte, Tabuisierte oder gar Verbotene ist Nacktheit für solche Menschen auch nur gerade aus diesem Grunde besonders interessant (Obwohl ihre äußere Reaktion eine ganz andere sein kann – siehe oben). Und nur derartige Männer (hier muss ich wohl leider auf das männliche Geschlecht einschränken) werden eventuell Gefahr laufen, zum Beispiel angesichts eines natürlichen, sich ungezwungen bewegenden, leicht bekleideten oder gar nackten Mädchens durchzudrehen und zu sittlichen Gewalttaten neigen. Nur solche Männer werden dazu neigen, das Verhalten so eines Mädchens womöglich als herausfordernd zu bezeichnen und daher völlig miss zu verstehen und sich dann, wenn sie ein Sittlichkeitsverbrechen begangen haben, darauf herausreden. Ein moderner, aufgeschlossener Mann, oder gar ein Naturist, der selbst nackt ist und der den Anblick unbekleideter Frauen gewohnt ist, wird viel weniger oder überhaupt nicht zu so einem Fehlverhalten neigen, denn Gewöhnung hat in diesem Fall eine ausschließlich positive Auswirkung, gewöhnt sie doch diesen Menschen daran, dass Nacktheit nichts Sündig-Lüsternes oder Herausforderndes ist sondern, so wie die Sexualität, etwas Schönes und völlig Natürliches.
Der andere Gesichtspunkt ist aber genau der, dass Erotik eben nichts Schlechtes ist sondern eine der schönsten Empfindungen, die der Mensch überhaupt haben kann. Daher soll sich auch kein(e) NaturistIn etwas daraus machen, oder ein schlechtes Gewissen haben, wenn er/sie beim Anblick eines wohlgeformten Menschen des (meistens) anderen Geschlechtes erotische Gefühle empfindet! Abgesehen davon – auch dies soll hier einmal ganz offen ausgesprochen werden – könnte es sich kein (männlicher) Naturist erlauben, seiner eventuellen sexuellen Erregung beim Anblick unbekleideter Mädchen oder Frauen freien Lauf zu lassen, denn das würde man/frau zwangsläufig an seiner Erektion erkennen. In diesem Sinne hat der Naturismus eine aggressionshemmende und -dämpfende Wirkung, aber natürlich nur dann, wenn auch der Mann unbekleidet ist. Eine nackte Frau hingegen, die es nicht gerade darauf an-legt, sexuelle Erregung zu erzeugen, wird sich auch heutzutage in der Gegenwart eines oder gar mehrerer bekleideter Männer leider mit Recht unwohl fühlen, ja selbst dann, wenn diese Männer "nur" mit einer Badehose bekleidet sind, denn darunter können diese ihre Erregung vorzüglich verstecken. Wir erkennen darin wiederum gut das Element der Verlogenheit, das unvermeidlich in jeder unnötigen Bekleidung steckt, weil sie einen Teil der natürlichen Regungen unseres Körpers verhüllt.
Die Jahrhunderte lange Tabuisierung der Sexualität in unserer abendländischen Kultur hat es ja auch mit sich gebracht, dass Nacktheit fast ausschließlich mit Erotik assoziiert und damit also völlig missverstanden worden ist. Der natürlichste Zustand des Menschen wurde damit zu etwas Unzüchtigem, Lüsternem, ja fast schon Krankhaftem erklärt. Erotik ist aber viel mehr als nur sich auszuziehen und "Liebe zu machen", umfasst aber sehr wohl auch jenes prickelnde Wohlgefallen, das ein Mensch
beim Anblick eines schönen, anziehenden Körpers des anderen Geschlechtes empfindet.
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Im Laufe der letzten Jahre kreisten während meiner kargen Freizeit, während des Radfahrens zu meinem Institut und zurück nach Hause oder während des Joggens, meine Gedanken immer wieder um das Thema der angeblich natürlichen oder gar angeborenen menschlichen Scham. Und dabei kam es mir immer wieder so vor, als würden nacheinander Schleier von meinen Augen weggezogen, die meinen Blick auf die Wahrheit getrübt hatten. Immer wieder hatte ich "Aha-Erlebnisse", als mir plötzlich wieder eine Jahrtausende alte, völlig irrationale menschliche Verhaltensweise auffiel, die anscheinend bis jetzt bloß niemand ernsthaft in Frage gestellt hatte (o-der vielleicht auch nur nicht in Frage zu stellen gewagt hatte), oder als ich ein weiteres Argument entdeckte, das klar darauf hindeutet, dass die menschliche Kleidung ihren eigentlichen Sinn, nämlich den Schutz der Körpers vor der Witterung oder anderen Gefahren, schon seit Jahrtausenden zugunsten einer völlig irrationalen Verhüllung besonders der Geschlechtsorgane verloren hat, oder dass die meisten Menschen im-mer noch ein völlig verkrampftes Verhältnis zu ihrem eigenen Körper haben und gerade deswegen oft im Grunde genommen unglücklich sind – freilich ohne sich dessen wirklich bewusst zu sein.
Andererseits bestehen für mich, wie wir später noch einmal sehen werden, in-zwischen beträchtliche Zweifel an der These, dass der ursprünglichste Zweck der Kleidung im Schutz vor der Witterung bestand. Vielleicht war bereits das allererste, wohl noch ganz unbewusste Motiv für die Bekleidung eigentlich die Verhüllung des menschlichen Körpers und damit die größtmögliche Unterscheidung vom Tier.
Auch hiezu wieder ein Beispiel aus der bereits erwähnten amerikanischen Co-mic-Strip-Serie "Calvin and Hobbes", die hier als typisches Beispiel westlicher Moralbegriffe dienen möge: In einer anderen Szene philosophiert der kleine Calvin mit seinem Tiger Hobbes anhand einer im Wald achtlos weggeworfenen Konservendose über die menschliche Schlechtigkeit, bis der Tiger Hobbes bemerkt, er wäre stolz, nicht menschlich zu sein. Calvin bedenkt sich kurz, zieht sich nackt aus und geht mit Hobbes gemeinsam in den Wald. (Unnötig zu erwähnen, dass Calvin im letzten Bild natürlich nur von hinten zu sehen ist.) Aber die Quintessenz dieser Geschichte ist, natürlich überspitzt gesagt, unter anderem die, dass uns anscheinend nur die Kleidung vom Tier unterscheidet. Zieht sich ein Mensch aus, so "sinkt" er damit zum Tier her-ab.
Doch zurück zur Kleidung: Bestand diese zunächst wohl nur aus einem einfachen Umhang, und zwischen der weiblichen und männlichen Kleidung bestand ursprünglich wohl noch kaum ein Unterschied, so wurde unsere Kleidung im Laufe der Zeit mit der Mode zwar immer "raffinierter", aber keineswegs zweckmäßiger, sondern anstatt dessen bildeten sich im Laufe der Jahrtausende wesentliche Unterschiede zwischen der weiblichen und männlichen Kleidung heraus! Der weibliche und männliche Körper ist ja, bis auf den berühmten "kleinen Unterschied", anatomisch gleich aufgebaut. Alle Menschen, ob Frauen oder Männer, haben einen Kopf, einen Rumpf, zwei Arme und zwei Beine. Das heißt, hätte die Kleidung allein die Aufgabe eines Schutzes, so brauchte sich die weibliche und männliche Kleidung kaum voneinander
zu unterscheiden. Schauen wir uns jedoch die Realität (natürlich vor allem der westlichen Zivilisation) an, und gehen dafür, zwecks größerer Klarheit, ins neunzehnte Jahrhundert zurück, denn heutzutage haben sich die Unterschiede zum Glück etwas verwischt (obwohl nach wie vor außer Transvestiten kein Mann auf die Idee käme, einen Frauenrock oder ein Kostüm zu tragen): Da tragen Männer Hosen, das heißt, es ist nicht zu übersehen, dass sie zwei Beine haben, während Frauen in bodenlangen Röcken herumlaufen müssen, die jeglichen Blick auf die weiblichen Füße oder gar die weiblichen Beine verhindern und überdies äußerst unpraktisch sind. Erst im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts rutschte der Rocksaum zum Glück langsam Zentimeter für Zentimeter hinauf, aber bei jedem Hinaufrutschen gab es Menschen, die von einer Gefahr für die Moral faselten, wenn langsam Füße, Knöchel oder gar Unterschenkel der Frauen sichtbar wurden.
Was ich damit beweisen will, ist folgendes: Während ich eine Hose als ein praktisches, gut gegen die Kälte schützendes Kleidungsstück betrachten kann, so ist ein Rock, beziehungsweise alle weiblichen Kleidungsstücke, bei denen beide Beine gleichzeitig umschlossen werden, für mich ungefähr das Unpraktischste und Ungesündeste, was es gibt. Unpraktisch ist ein Rock (wobei das natürlich von der Weite desselben abhängt) zunächst wegen der Behinderung beim Gehen und anderen körperlichen Tätigkeiten. Höchst ungesund ist dieses Kleidungsstück, weil der weibliche Unterleib in einem Rock der Kälte viel stärker ausgesetzt ist als in einer Hose, da es bei jeder Bewegung ja doch immer wieder unten kalt herein zieht; und dies traf in früheren Zeiten, als es weder Unterhosen noch Strümpfe gab, in noch viel stärkerem Maße zu.
Daraus ergibt sich für mich zwangsläufig die Frage: was hat dazu geführt, dass Frauen jahrtausendelang in eine derartig unpraktische und ungesunde Kleidung "gezwungen" wurden (die sie im Laufe der Zeit als völlig "natürlich", angemessen und sogar moralisch richtig empfanden), während Männer sich selbst in den dunkelsten, körperfeindlichsten Perioden unserer Geschichte immer viel freier bewegen durften? Wir sehen schon, selbst die zunächst vielleicht banal erscheinende Frage nach dem Ursprung des Unterschiedes zwischen der weiblichen und männlichen Kleidung führt uns zwangsläufig zur viel allgemeineren geschichtlichen Tatsache der Jahrtausende alten Diskriminierung der Frauen, der Tatsache, dass es Frauen waren, die Jahrtau-sende lang unter der Gewalt der Männer gelitten haben und immer noch leiden, die von Männern unterdrückt, ausgebeutet, misshandelt, verstümmelt, vergewaltigt, als Beute verschleppt, als Hexen verbrannt oder abgeschlachtet, oder auch bloß als geistig minderbemittelt behandelt und dementsprechend diskriminiert wurden. Es waren also auch immer Männer, die den Frauen diktiert haben, dass und wie sie sich anzu-ziehen haben. (Und selbst heute noch hat sich daran kaum etwas geändert, denn wie viele weibliche Modeschöpfer gibt es denn schon?) Daher liegt der Schluss nahe, dass auch die Idee der weiblichen Beinkleidung nicht von Frauen sondern von Männern stammt. Und meiner Überzeugung nach hatte der weibliche Rock von vornherein nicht so sehr den Zweck, den weiblichen Körper vor der Kälte zu schützen, sondern sollte vielmehr – überspitzt gesagt – vor allem die Tatsache verhüllen, dass auch Frauen zwei Beine und ein Geschlecht dazwischen haben! In diesem Sinne ist es durchaus vorstellbar, dass der (natürlich männliche!) "Erfinder" des Rockes (der natürlich kein einzelner Mensch war, sondern wie so vieles, von dem im Laufe dieser Abhandlungen die Rede war oder noch die Rede sein wird, hat sich natürlich auch die
weibliche Kleidung erst im Laufe von einigen Generationen herausgebildet) vielleicht zunächst nichts anderes im Sinne hatte, als die Frauen vor den "lüsternen" Blicken der Männer zu schützen. Aber der tiefere Grund war wohl eher die Urangst der Männer vor der angeblich sündhaften weiblichen Sexualität und Verführung, und der Rock sollte daher eigentlich viel eher die Männer vor sich selbst beziehungsweise vor der "Sünde" der Sexualität schützen. Dass jedoch die "Lüsternheit" der Männer durch mehr Verhüllung nur umso mehr angeheizt wird, haben wir schon in den beiden vor-hergehenden Teilen dieser Abhandlung ausführlich gesprochen.
Übrigens ist es bemerkenswert und sehr viel sagend, dass sich bei bestimmten Berufsgruppen und/oder bei besonderen Gelegenheiten auch das äußere Erscheinungsbild der männlichen Kleidung der weiblichen nähert. Und zwar zum Beispiel bei Priestern während des Gottesdienstes, Richtern während der Verhandlung oder Universitätsprofessoren bei akademischen Feiern. Bei allen diesen besonders feierlichen Anlässen tragen Angehörige dieser Berufsgruppen selbst heute noch vielfach einen Talar, also ein Kleidungsstück, das den ganzen Körper verhüllt. Es scheint ein Grundprinzip westlich-menschlicher Verhaltensweisen zu sein, bei verschiedenen rituellen Handlungen den Körper zur Gänze zu verhüllen, so als wäre der Anblick eines nur unvollständig verhüllten menschlichen Körpers eine Beleidigung Gottes, be-ziehungsweise der "Würde" oder Feierlichkeit der jeweiligen Handlung nicht angemessen. Wiederum stoßen wir hier auf die typisch menschliche Erscheinung, die uns schon öfter begegnet ist und über die wir später noch eingehender diskutieren wer-den, nämlich die Tatsache, dass sich der Mensch seines Körpers und insbesondere seiner Geschlechtlichkeit schämt und dass er es bei so genannten feierlichen Anlässen für unbedingt notwendig hält, sich so gründlich zu verhüllen, dass nicht einmal die Form seines Unterleibes erahnbar ist.
Dem stelle ich wiederum die Frage entgegen: Was, bitte, ist am nackten menschlichen Körper würdelos? Und warum sollte sich der Mensch bei rituellen Handlungen, bei denen er seinem Glauben gemäß mit seinem Schöpfer in Kontakt tritt, der ihn schließlich nackt geschaffen hat beziehungsweise nackt zur Welt kommen lässt, unbedingt vollständig verhüllen? Stellt es nicht vielmehr eine Beleidigung dieses Schöpfers dar, dass sich sein Geschöpf schmutzig und sündhaft oder auch nur lächerlich vorkommt, wenn es nackt ist? So als wäre Gott bei seiner Schöpfung ein Fehler unterlaufen, den der Mensch durch Verhüllung zu korrigieren hätte?
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Ein weiteres Argument für die natürliche Nacktheit des Menschen, das meiner Meinung nach wie kein anderes gegen jede unnötige Bedeckung des Körpers mit et-was Künstlichem spricht, liegt in der Art und Weise, wie unser Körper funktioniert:
So wie die übrigen Säugetiere und die Vögel ist auch der Mensch ein Warmblütler. Das heißt, der menschliche Körper sorgt durch einen sinnreichen Regelmechanismus selbst dafür, dass die Körpertemperatur einen mehr oder weniger konstanten Wert von ca. 36,5o ± 0,5oC beibehält.
Wenn wir frieren, so beginnen wir zu zittern, und das ist bekanntlich die wirksamste Art, den Körper wieder zu erwärmen. Dann, und nur dann hat es einen Sinn, unseren Körper zu bedecken, um damit die unerwünschte und gefährliche Abstrahlung und Abfuhr von Wärme von der Haut zu vermindern.
Wenn uns zu warm ist, so beginnen wir zu schwitzen, das heißt, unsere Haut sondert eine Flüssigkeit ab, um durch die Verdunstungskälte eine drohende Überhitzung des Körpers zu vermeiden. Dieser wohlbekannte physikalische Mechanismus ist auch erstaunlich wirksam – aber nur solange wir unsere Haut nicht mit etwas Künstlichem, sprich mit einer oder mehreren Schichten Stoff bedecken. Denn dann passiert das, was wir alle im Sommer immer wieder selbst erleben: wegen der auf der Haut liegenden Stoffschichten kann der Körper die überschüssige Wärme weder durch Wärmeleitung noch durch Konvektion genügend abführen, und genau deswegen beginnen wir stärker zu schwitzen als es bei der jeweiligen Körpertemperatur eigentlich notwendig wäre. Der Stoff unserer Kleidung saugt zwar nun den Schweiß zunächst mehr oder weniger gut auf, behindert aber gerade dadurch die Verdunstung des Schweißes von der Haut weg und verhindert daher die eigentlich beabsichtigte Kühlung des Körpers oder schränkt diese zumindest drastisch ein. Außerdem behindert die Kleidung die Abstrahlung und Abfuhr von Wärme direkt von der Haut weg, die bei einer drohenden Überhitzung des Körpers, zusätzlich zur Verdunstung des Schweißes, ja wünschenswert wäre. Andererseits erfolgt die Verdunstung des Schweißes dann von der Kleidung weg, welche daher, anstatt der Haut, stark abkühlt wird und nun ihrerseits zu einer unbeabsichtigten, unnötigen und eventuell sogar gefährlichen Unterkühlung des Körpers Anlass geben kann. Wer kennt nicht das unangenehme Gefühl, wenn uns an einem heißen Sommertag ein klatschnasses aber eis-kaltes Hemd am Körper klebt, und unsere darunter liegende Haut selbst bei größter Hitze in gesundheitsgefährdender Weise unterkühlt wird?
Genau das gleiche ist der Fall, wenn wir bei an sich kühlem Wetter wegen einer körperlichen Anstrengung zu schwitzen beginnen. Wie oft passiert es, dass uns lange nach der Anstrengung, wenn unser Körper schon längst wieder genügend abgekühlt wäre, plötzlich zu kalt wird, weil die Verdunstung des Schweißes aus der Kleidung, und die damit verbundene Abkühlung der Haut viel länger dauert als bei unbedeckter Haut?
Aus all dem folgt, dass der Mechanismus, der unsere Körpertemperatur kontrolliert nur für einen nackten Körper geeignet ist jedoch nicht für Haut, die von verschiedenen Schichten Kleidung bedeckt ist. Wie gefährlich dies sein kann, erlebte ich im Jahre 1989 am eigenen Leibe, als ich während einer Radtour mit meinem Sohn im Engadin nach einer anstrengenden Bergauffahrt in einem total verschwitzten Leibchen, und leider ohne jede Vorsichtsmaßnahme oder Rast, sofort die nächste Abfahrt antrat. Dabei kühlten sich das Leibchen und meine Brustkorb darunter offensichtlich so stark ab, dass ich nach einer Woche eine beidseitige Lungenentzündung hatte, die später in eine langwierige Rippenfellentzündung überging, wodurch ich fast fünf Monate im Krankenstand war und für den Rest meines Lebens mit einem um ein Drittel verringerten Lungenvolumen auskommen muss.
Dennoch gibt es keinen Zweifel, dass wir unseren Körper gegen zu niedrige Temperaturen, wie sie bei uns leider während des größeren Teils des Jahres herrschen, schützen müssen. Im Falle von hohen Temperaturen glaube ich jedoch, dass keinerlei Schutz notwendig ist. Sogar in einer Wüste, und sogar unter der Sonne des Äquators würden wir im Prinzip keinerlei Kleidung brauchen, vielleicht mit Ausnahme von Schuhen gegen hohe Bodentemperaturen und eines Sonnenhutes zum Schutz des Kopfes. Was wir jedoch selbstverständlich bedenken müssen, ist einerseits der Schutz unserer Haut vor der Sonne, und andererseits unseren Körper selbst,
den wir immer mit genügend Flüssigkeit versorgen müssen, damit wir nicht aus-trocknen, d.h. wir müssen genügend trinken.
Ich möchte hier auch betonen, dass die Ergebnisse der Untersuchungen von ernsthaften PhysikerInnen über die Zunahme des Anteils von schädlicher ultravioletter Strahlung im Sonnenlicht in der nördlichen und südlichen Hemisphäre keineswegs völlig schlüssig sind. Viele Horrorberichte über die so genannten Ozonlöcher und die dadurch angeblich verursachte Zunahme von Hautkrebs, wenn man/frau zum Beispiel in der Sommersonne Australiens nicht dauernd verhüllt herumläuft, sind maßlos übertrieben, so dass wir zu dem Schluss kommen, dass diese Gründe im Sinne Nietzsches (siehe sein Zitat am Anfang dieses Kapitels) hinzugelogen wurden, auch wenn dies teilweise unbewusst geschehen sein mag. Die wahren, aber selten zugegebenen Motive für solche Schauermärchen ist moralische Entrüstung von Seiten selbst er-nannter Moralapostel, nicht nur über Naturisten, nein, auch bloß über die üblichen Bikinis und knappen Schwimmhosen.
Immer wieder hören wir zum Beispiel auch, dass die Haut auf den weiblichen Brüsten, auf den Gesäßbacken und den männlichen Penissen angeblich viel empfindlicher sei als die übrige Haut, und daher können sich dort angeblich besonders schnell Melanome bilden. Natürlich reagieren diese Hautpartien empfindlich auf Sonnen-licht, wenn sich jemand von heute auf morgen nackt auszieht und nicht vorsichtig ist. Aber die Haut ist genau dieselbe, und wenn jemand bisher ängstlich verhüllte Haut-teile plötzlich der Sonne aussetzt, dann muss er oder sie eben zu Anfang etwas vor-sichtiger sein und dort besonders starke Sonnenschutzmittel verwenden. Aber haben diese Hautpartien erst einmal denselben Bräunungsgrad erreicht wie unsere übrige Haut, brauchen wir keine größere Vorsicht walten lassen, als auch sonst selbstverständlich sein sollte.
Es ist auch oft die Behauptung zu hören, dass der traditionelle Burnus der arabischen Nomaden für die heiße Sonne der Wüste viel besser geeignet sei als unsere westliche Kleidung, denn einerseits würde er die Haut vor der Sonne schützen, und andererseits den Körper ja nur lose umhüllen, so dass die Luft darunter zirkulieren und damit den Körper kühlen könne. Dies mag in dieser Form tatsächlich stimmen, denn, wie wir oben bewiesen haben, ist eng anliegende Kleidung bei hohen Temperaturen nicht nur unbequem, sondern kann auch zu gesundheitlichen Schäden führen, indem sie zuerst zur Überhitzung des Körpers und dann zu gefährlicher Abkühlung führt. Andererseits wird aber auch unter einem den Körper nur lose umhüllenden Umhang wegen des Glashauseffektes die Luft starker erwärmt als außerhalb, und die freien Zirkulation der Luft wird dennoch behindert, so dass die Wärmekonvektion von der Haut weg ebenfalls gestört wird. Daher ist das Argument des angeblich für hohe Temperaturen und starke Sonneneinstrahlung besser geeigneten Burnus oder ähnlicher Umhänge ebenfalls ein nachträglich hinzugelogenes, und der wahre Grund für diese Kleidung ist wieder einmal nichts anderes als die möglichst vollständige Verhüllung des angeblich schmutzigen und unzüchtigen menschlichen Körpers vor den Blicken anderer und vor den eigenen. Angesichts des arabisch-islamischen Ursprungs dieser Kleidung und der besonders ausgeprägten Prüderie des Islams liegt diese Argumentation eigentlich auf der Hand.
Um unsere Haut vor der Sonne zu schützen, gibt es heute bessere und immer wirksamere Sonnenschutzmittel mit hohen und höchsten Sonnenschutzfaktoren, mit denen wir Sonnenbrände und dadurch verursachte Melanome mit großer Sicherheit
verhindern können. Daher ist es mit der notwendigen Vorsicht und Bedachtsamkeit kein Problem, selbst unter der heißesten Wüstensonne nackt herum zu laufen, und das ist auf jeden Fall gesünder und weitaus angenehmer, als wenn wir unseren Körper ängstlich mit Kleidung verhüllen, unter der wir sinnlos zu schwitzen beginnen. Daher ist die beste menschliche "Kleidung" bei hohen Außentemperaturen allemal unsere, von einem möglichst wirksamen Sonnenschutzmittel geschützte, aber ansonsten unbedeckte Haut.
Der Temperaturregelmechanismus des menschlichen Körpers ist auf einen unbedeckten Körper eingerichtet aber keinesfalls auf einen von Stoff verhüllten, und selbst Tausende von Generationen der unnatürlichen Verhüllung konnten daran (Gott sei Dank) nichts ändern.

Dr.Dr.h.c.mult. Roman Schrittwieser,
ao.Univ.-Prof.i.R., Hon. Prof., Senior Scientist
Head of the Innsbruck Experimental Plasma Physics Group (IEPPG)
Institute for Ion Physics and Applied Physics
Leopold-Franzens University of Innsbruck, Technikerstr. 25
A-6020 Innsbruck, Austria
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