Paradiesisch Urlauben

Paradiesisch urlauben

VON MONIQUE CANTRÉ
Reutlinger Generalanzeiger

An der Freikörperkultur scheiden sich die Geister. Für die einen ist öffentliches Nacktbaden ein absolutes »No Go«, für die anderen pure Natürlichkeit.
Vor allem das hüllenlose Leben den ganzen Tag über reizt die Gegner gerne zu Hohn und Spott über »Lichtkleider« und schamfrei gezeigtes Unaussprechliches,
während die Befürworter überhaupt nichts dabei finden, im Urlaub alles ohne Textilien zu machen. Indes muss schon etwas dran sein an dieser Lebensart,
wenn sich in Frankreich alljährlich 2,6 Millionen Menschen in FKK-Ferienanlagen tummeln.


Die Wiege der modernen Naturisten-Zentren stand 1950 in der Aquitaine, 70 Kilometer nördlich von Bordeaux, als dort unmittelbar am Meer das
Centre Héliomarin de Montalivet (CHM) eröffnet wurde. Das CHM (französisch parliert: Se-Asch-Em) ist bis heute das größte naturistische Feriendorf,
dem entlang des Ozeans in Frankreichs Südwesten 17 weitere unterschiedlicher Größe folgten – mit Unterkünften vom Campingplatz bis zum Ferienhaus.
Eine Rolle spielte dabei zweifellos die erholsam weitläufige Küstenlandschaft mit Pinienwäldern und durchweg feinsten Sandstränden entlang der 250 Kilometer
langen Atlantikküste, die selbst im Hochsommer ein angenehm gemäßigtes Klima bietet.
Der FKK-Urlaub wächst kontinuierlich, und das soll nach dem Willen der Touristiker auch so bleiben, ist er doch ein enormer Wirtschaftsfaktor.
Freilich sterben die Nachkriegs-Pioniere der Bewegung langsam aus. Auch wenn deren Kinder und Enkel dem Naturismus oft treu bleiben, wird ständig um neue
Klientel geworben. Offensichtlich mit Erfolg. Und die Kunst bestehe darin, sagt CHM-Finanzdirektor François Teulié, die Ruhe suchenden Stammgäste und die
partyhungrige Jugend unter einen Hut zu bringen.


Wilde Wellen
Zur besseren Selbstdarstellung nach außen haben sich 2012 die vier großen Naturistendörfer am atlantischen Ozean – Centre Héliomarin in Vendays-Montalivet,
Euronat in Grayan-et-l’Hopital, La Jenny in Le Porge und Arnaoutchot in Saint-Girons – zum Club aquitain du Naturisme zusammengeschlossen.
Zusammen brachten es diese vier Zentren zuletzt auf eine Million Übernachtungen pro Jahr. Um die tausend Arbeitsplätze sind damit verbunden.
Ganz wichtig sind dabei die Bademeister, die für die Überwachung der Badezonen an den Stränden zuständig sind. »Wild« sich in die Atlantik-Wellen zu werfen,
ist der unberechenbaren Strömungen wegen zu gefährlich.

Jean-Lou Dumon-Carbonnet, der Präsident des Club aquitain du Naturisme, erinnerte vor Journalisten in Berlin und Köln daran, dass schon die Philosophen
der Renaissance und der Aufklärung Nacktheit und Naturnähe ins Blickfeld rückten. Im 19. Jahrhundert hätten Ärzte in Frankreich entsprechende Kuraufenthalte
empfohlen, und zwischen den Weltkriegen habeder Naturismus aus weiten Kreisen Zulauf erhalten.


Protestbewegung
In Deutschland entwickelte sich die Freikörperkultur in der Kaiserzeit als Protestbewegung gegen die Zwänge der Gesellschaft, gewissermaßen gegen Korsett
und Vatermörderkragen. Das erste »Luftbad« öffnete 1903 in Klingberg, in der Lübecker Bucht. Die Nacktheit der Griechen beim Sport oder die abgehärteten
Germanen wurden als Vorbilder herangezogen, um gegen die »behosten Spießer« zu argumentieren.

Mittlerweile gibt man sich ideologiefrei und lebt die Nacktheit unter Gleichgesinnten einfach als angenehme und intensive Art des Naturgenusses.
Strenge Reglementierung ist in den französischen Urlaubszentren verpönt. Hinweise, die Kleidung abzulegen solange es warm genug ist,
setzen eher auf Witz und werben um Verständnis. Denn Spanner will man natürlich nicht haben.
Im Vordergrund der Naturistendörfer steht das »Bien-être« – das Wohlbefinden. Dazu zählen gutes Essen und Trinken, Geselligkeit, gegenseitige Toleranz
und immer auch die Bewahrung der Natur. Vom besonderen Talent der Franzosen, dem Dasein die guten Seiten abzugewinnen , lassen sich die Zugereisten
offenkundig gerne anstecken.


Auszeit vom Alltag
Hört man sich um, was die deutschen Urlauber in die Naturistencamps zieht, dann wird oft darauf verwiesen, dass man nirgendwo dem Alltag so vollkommen
entkommen würde, wie hier. Nirgends könne man sich so frei fühlen, so unkompliziert die Tage verbringen und so viel unternehmen wie hier,
fasst Anneke aus Düsseldorf zusammen.

Langeweile muss keinen Gast plagen, denn das Angebot an Aktivitäten wird in allen Naturistendörfern großgeschrieben. Die beiden größten Zentren,
Euronat und CHM, haben natürlich das breiteste Programm. Insbesondere Sport wird getrieben und professionell angeleitet, vom Fußballtraining für Kinder
über Handball, Volleyball, Basketball, Tennis, Pingpong, Surfen, Gymnastik, Yoga bis hin zu Wett- und Waldläufen oder Fahrradtouren.
Dazu kommen kulturelle Dinge wie Chorgesang, Musizieren, Malkurse, Töpfern, Trommelkurse und Tanz jedweder Art.


Baumhaus und Golfplatz
Das Euronat bietet als Spezialität die Thalassotherapie an, bei der Meerwasser, Algen und Schlamm eingesetzt werden, um den Organismus zu beleben.
Das CHM wirbt mit seinem nicht nur bei Kindern beliebten Spaßbad mit Rutschen und Strudeln und hat als neues Angebot, das Eltern und Kinder gemeinsam
nutzen können, einen »Parcours de santé«, eine Art Trimm-dich-Pfad durch den Wald. Eine Attraktion für sich ist im Herzen der Ortschaft Montalivet-les-Bains
der tägliche Markt, der von Austern bis zum Turnschuh wirklich alles hat, was lecker, schön und bunt ist.
Im kleineren Arnaoutchot mit üppiger Vegetation stehen Campern zahlreiche Bereiche mit viel Privatsphäre zur Verfügung, außerdem kann man dort in Baumhäusern
und Zirkuswagen wohnen.
Ein nobles Ressort ist das in einen hügeligen Kiefernwald gebettete La Jenny. Hier gibt es ausschließlich Chalets zu mieten. Neben einem Reitstall und einem
Klettergarten als Besonderheiten verfügt La Jenny über den einzigen FKK-Golfplatz der Welt. Er breitet sich auf 10 Hektar aus, hat einen Parcours mit
sechs Löchern sowie einen Übungs- und Einführungskurs. Zwei Gärtner sind permanent damit beschäftigt.
»Die große Investition war richtig und hat sich gelohnt«, sagt Eve Gaigne, die Witwe des Gründers von La Jenny und heutige Verwalterin.
Das Interesse am naturistischen Golfen sei immens. Das werde auch durch die vielen Golfturniere das ganze Jahr über belegt.

www.tourisme-aquitaine.fr www.naturisme-aquitaine.fr