Naturismus - Pro Natur

Naturismus – Pro Natur
2016 von Volkmar Ellmauthaler, Wien http://medpsych.at

Liebe Freundinnen und Freunde!
So beginnen zu können, ist wunderbar. Aus der Gemeinsamkeit
des Natürlichen können wir reale Freunde sein. Nehmen wir das
Freundsein einmal wörtlich: Als Freunde sind wir mehr als bloß
Nicht-Feinde – und so haben wir etwas Besonderes erreicht, das
uns als Einzelne bei aller Eigenart auf‘s Angenehmste verbindet.

Wir – ein Wort, das Gefahr läuft unsäglich zu werden, das zum
Schatz der gefährdeten Wörter gezählt und darum unter Wortschutz
gestellt werden soll: weil es so oft missbraucht wird.
Wir – in unserem Fall wohl aus Zuneigung zur Natur, Fühlen
einer Welt, die vor und ohne uns war und ein Weilchen nach uns
noch existieren wird – wir sind an der Reihe, behutsam auf sie
zu achten: aus Eigennutz? mit Weitblick? aus purem Idealismus?

Diese Arbeit handelt vom Konzept des Naturismus aus allerlei
ungewöhnlichen Perspektiven. Wer mich kennt, ahnt, wie oft
sie überarbeitet wurde (12 Mal). – Jetzt ist es gut, diese Überlegungen
mit Euch zu teilen: http://medpsych.at/art-nat-order.pdf

Hier folgt ein Auszug von einigen Seiten. Wer nach dem Lesen
Lust bekommt, über philosophische oder inhaltliche Ansätze zu
diskutieren – hier ist der Kontakt:
mailto:Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!?subject=Anmerkung-zu-ProNaturismus

 

Als wir, nach einigem Briefwechsel, einander kennenlernten,
war unser erster Ausflug an einen abendlichen See, da badeten
wir nackt. Nun hatten wir neben allem anderen noch etwas ganz
Wundervolles gemeinsam. Natur: Sein in der Welt. Naturismus.

Ist eine naturistische Haltung für beide klar und harmonisch,
können wir von Glückskindern reden. – Glückskinder! – Doch:
Bedeutet Naturismus etwa Intimitätsverzicht? Exhibitionismus?
Anstandsverzicht? Schamlosigkeit? – Wie ist das eigentlich, die
oft als „Anstand“ gepriesene „Scham“ in der Natur wegzulassen?

Zunächst ergeben sich zwei Fragen:
Erstens, was ist „Anstand“?
Anstand entspringt einer höfischen Geste des An- und Strammstehens
oder Kniens mit gebeugtem Haupt vor einer Autorität,
etwa dem Kaiser. Der/die „Anständige“ bietet das ungeschützte
Haupt dar, und ist das eine ubiquitäre Geste der Unterwerfung.
Wir kennen das aus dem Tierreich. Eine Rangordnung wird ausgemacht:
Der/die Unterlegene wendet den Blick möglichst weit
ab, bietet Bauch oder Nacken und wird nicht weiter angegriffen.


Anstand ist folgerichtig die kulturelle Form dieser angeborenen
Unterwerfung unter eine Führerfigur im hierarchischen System.

Und, zweitens, was ist „Scham“?

Die bekannte Wortbedeutung trat vermutlich erstmals im 8. Jh.
im gotischen Europa auf. Es ist ein „altnordischer“ Begriff, der
mit Schande zusammenhängt: “skam“, altenglisch “sceand“ für
Schande, hergeleitet von “sceamu“, “skome“, passiv: “skaman“:
sich schämen.

Lesen wir zu dem Problem der Scham zunächst 1. Moses 3.21:
Gottvater wirkt für die nackten Geschöpfe Eva und Adam, die
sich zuvor einen Übergriff geleistet haben, indem sie „so sein
wollten wie Gott“ und deswegen aus dem Paradies verwiesen
werden sollen, einen Lendenschurz. Anstelle von Wut, Verachtung
und Strafe: ein Kleidungsstück. Zurechtweisung in Liebe?
Schlichtes Entlassen in die postpubertäre Eigenverantwortung!?

In erzkonservativen Bibelübersetzungen mit exzessiver Prüderie
wird „Scham“ jedoch just an der Stelle geradezu zum Synonym
für die Genitalien: Sollen beide sich etwa schämen? Sich ertappt
fühlen wie verklemmt erzogene, beim lustigen Pfui-Gack-
Doktor-Spielen entdeckte Kinder? Sollen sie etwa deswegen die
Genitalien bedecken? Eine gezielt absurde Szene! Gott schneidert!
Güte lässt vieles zu. – Ja: Mensch soll erwachsen werden.

Hat Scham also nur qua Machtanspruch mit Geschlecht zu tun?
Ein unbewusstes oder gar gewolltes Missverständnis manipulativ-
moralischer Übersetzer?

Dr.in Ruth Lapide, die gelehrte Frau, meinte einmal, diese bloß
symbolischen Kleidungsstücke wären aus dem Haar von Tieren
gemacht gewesen, wobei die Betonung auf dem Gebot liege,
kein Lebewesen etwa für Kleidung oder Schmuck zu morden.
Vom Opfertier abgekommen, wäre rechtschaffenen Menschen
das Töten von Tieren zwar zur Nahrungsaufnahme erlaubt, alles
Weitere verdiene die ursprüngliche Bezeichnung für Mord.

Es geht in diesen Texten also eher um eine Art gütiger Regelung
für die ausdrückliche Sorgfaltspflicht aller Menschen gegenüber
der ganzen Schöpfung, heute sagen wir: der Welt, der Umwelt:
Immerhin kommt den jeweils zuletzt Geborenen – jedenfalls
nach altjüdischer, teils auch nach christlicher und muslimischer
Tradition – die Aufgabe zu, für alle, die ihnen anvertraut sind,
zu sorgen. Dies wiederum entspricht im Römischen Recht – das
seinerseits wieder zur Grundlage vieler der gegenwärtig gültigen
Rechtssysteme geworden ist – dem Prinzip PATER FAMILIAS.

Ist es also tatsächlich so, dass wir uns für unser Dasein, etwa
unser Aussehen, für unsere Befindlichkeiten zu schämen hätten,
wenn wir gehorsamst „anständig“ sein wollen? Oder etwa nicht?

Anders gefragt:
Hat Scham aus erweiterter Sicht etwa doch etwas mit Geschlecht
und Geschlechtsorganen zu tun? Wäre Scham damit eine – etwa
die einzig wirksame – Schutzfunktion für das, was wir „Intimität“
nennen?
Hier liegt ein weiterer interessanter Aspekt: der mehrfachen Umformung
des Verhältnisses eines Menschen zu sich selbst: In der
Kindheit sind das die bekannten drei Phasen der Sexualorganisation,
die im 1. Lebensjahr einsetzen und zwischen dem 5. und
7. Jahr wiederholt zu durchlaufen sind, um endlich während der
Pubertät und Adoleszenz vorläufig gefestigt und verfügbar zu
werden. Dabei geht es um den Willen und die Möglichkeit der
Akzeptanz der jeweils eigenen Innenwelt im Zusammenhang
mit dem Äußeren und umgekehrt. David Grossmann2 beschreibt
das in dem Buch „Die Kraft zur Korrektur“ (2007) so:

Aharón (Hebr.: der Letzte, Anm.) spürt, wie die Penetranz dieser
Welt ihm die Luft zum Atmen nimmt. (…übrigens haben
die hebräischen Worte shrir,Muskel (syn. f. Fleisch, Anm.),
und shrirut, Willkür, eine und dieselbe Wurzel.) Ganz
allmählich entsteht eine Entfremdung, sogar Feindschaft zwischen
ihm und jenem Teil von ihm, der eine äußere, objektive
Erscheinungsform hat, und auch eine innere.

An dieser Stelle erhebt sich ein seit längerem schwelender Verdacht,
dass nämlich die christliche Bibel doch von einer missverständlichen
Übersetzung ausgeht, wenn und weil dort bekanntlich
„Fleisch“ von allen Übersetzern (mit Ausnahme Martin
Buber in dessen Assoziativsprache) als „sündhaft“ bezeichnet
wird. – Fleisch stünde somit für Körper. Demnach wäre der
bare, nackte Körper, ohne Zutun, sündig. – Wie viel einleuchtender
ist doch die Schädlichkeit von Willkür! Ja, Willkür ist
eine besitzergreifende, autoritäre, oft verächtliche Haltung.
Willkür ist nicht Fleisch, Fleisch nicht Person. – Persönlichkeit
nennen wir vielmehr die Ganz- und Einheit von Körper mit
Geist. Neben den Religionen geht auch die medizinische Psychosomatik
von einer solchen Annahme aus. Insofern ist eine
Ethik der Reinheit, präzise gedacht, eine Ethik der Reinheit –
auch Freiheit – von Willkür, anstelle der bisherigen Moral einer
Reinheit des Körpers, die ihrerseits nur durch Intimitäts-Rituale
des Sich-Bedeckens erfüllt werden könne. Wer nur Intimität
bedeckt, ist keineswegs entfleischt, kann also unter Maske und
Uniform eher mehr denn weniger an Willkür bieten. Also ist
Intimität nichts, das in einer offenen Gesellschaft ohne weitere
Vorbedingung zur Akzeptanz der je anderen führen kann.

Intimität entsteht intersubjektiv – seelisch, aber auch körperlich.

Hat das seltsame Beharren vieler Gesellschaften und der Mehrheit
aller Menschen auf Anstand als Ausdruck intakter Intimität
(„Im-Innersten-Sein“) etwas mit Scham und Geschlecht zu tun?

Soziologische Antwort: Scham und Anstand, dahinter Disziplinierung,
sind Ergebnisse von Machtstrukturen und Hierarchien,
von der daraus abgeleiteten Erziehung. Anstand bedeutet eher
Unterwerfung, selten wertschätzendes Für- und Miteinander.

Psychologische Antwort: Das Geschlecht ist wegen seiner
mehrstufigen, als geheimnisvoll empfundenen, Wandlung bisweilen
tabuisiert. Es unterliegt schon im Kindesalter der vorausgedachten
Bedeutung der Verewigung durch Zeugung.

Naturisten (m/w/i) sind, ja, schamlos, wenngleich nicht unverschämt.
Sie unterwerfen sich niemandem ohne diese eine, entscheidende
Frage nach der tatsächlichen Berechtigung, von ihnen
persönlich „Anstand“ oder gar „Moral“ einfordern zu dürfen.

Naturisten leben respektvoll, allen Wesen gegenüber…
Nun ja – ganz ehrlich: In der Praxis wird es vorkommen, dass
wir lästige Moskitos morden, Mäuse mit der klassischen Falle
in diesem blitzartig-schicksalhaften Augenblick zwischen Käse
ins Maul und Zuschnappen vom einen schwierigen Dasein ins
Jenseits bringen lassen: Ein lichter Moment schmerzfreier Verwunderung
wird da sein.

Noch ist das Zerklatschen einer Fliege, das Fangen einer Maus,
jeweils ein Akt von Willkür, nicht Körperlichkeit. Willkür mag
unabhängig vom Außen einer Person vorliegen. Willkür kann
aber auch – aus freier Entscheidung – symbolisch begrenzt
werden durch Weglassen von Masken, Uniform, Bekleidung.
Der Ausdruck nackt und bloß erhält dann den alten Wortsinn
bar wieder: bar jeder Schuld: Unschuld. Bar und bloß werden
damit Begriffe für nackt und rein.

Wir verstehen, weswegen Kinder traditionell für rein und unschuldig
gehalten werden und darum nackt sein dürfen – bis
etwa zum Ende der kindlichen Sexualorganisation: Deren
Nacktheit wird als „unreif“ angesehen, das Englische hat dafür
den vielsagenden Begriff „unadultedness“ – Unerwachsenheit.
Wobei das Erwachsenwerden mit all seinen Begleiterscheinungen
als unrein angesehen wird, der Zeugungsvorgang als prekär.
Das Ungemütlich-Pubertäre beim Warten auf ein Ergebnis
des Schwangerschaftstests hat vermutlich hierin seine Wurzeln.

Wenn wir – im besten Sinne – so sein wollen wie die Kinder,
dann sind wir auch als Erwachsene bar, rein, nackt, unschuldig.
Die Symbolkraft der Taufe als reinigendes Ritual wird relevant.
Werden die Pubertierenden erwachsen und diese wieder rein, so
ist die Welt befreit von einem tatsächlich schmutzigen Problem.

Wir nennen uns FKK’ler, was mit Kultur zu tun hat. Naturisten.
Die Natur kennt die Überlegung der inneren Unreinheit nicht.

Doch:
Was ist „Natur“ ohne Dich, mich, Jene; Pflanzen, Tiere – alle?
Wir – sind – Natur! Wir sind nackt geboren, und wenn wir uns
bekleiden, dann zum Schutz vor Strahlung, Wetter, Gegenständen.
Mag sein, auch um uns besonders sicher oder etwa besonders
erotisch zu fühlen. Andere wieder brauchen Kleidung als
Merkmale ihres Status, als Uniform, Maske, Außenskelett. Als
Rückversicherung. Als Krücke für den Anstand, den sie nach
außen zeigen wollen.

Krücken mögen als Krücken gelten, Masken zum Verbergen
des dahinter Befindlichen ihre Bedeutung haben. Ja. Bisweilen
brauchen wir sie: Sichtbar zu sein, Verantwortung zu übernehmen,
kann ohne Hilfe schwer erträglich sein.
Die logische Folgerung ist Kooperation – einander achten, sich
aneinander freuen, einander behilflich sein. Dann aber braucht
es keine Krücken, Uniformen, Außenskelette, dann kann etwa
Respekt nicht allein aus formaler Unterwerfung bestehen, sondern
zum freien Entschluss gedeihen. Dann ist „Anstand“ keine
Notbremse: keine Ausrede für etwa mangelnden Charakter oder
für eine innere Schwäche, die eigene Persönlichkeit zu zeigen.

Verantwortung ist eine Grundhaltung derer, die nackt sind: Füreinander,
für die Wesen; Pflanzen, Tiere, Steine, Wasser, Kunstwerke
um uns herum, die wir zum aller geringsten Teil selber
schaffen können, aber deren natürlichen Lebenszyklus wir häufig
zerstören, doch ohne sie je wiedererwecken zu können.

Wir morden, wenn wir aus Gier, Prunksucht, Machtgeilheit ein
anderes Wesen nutzlos zum Tod bringen. Naturisten (m/w/i)
bemühen sich darum, eben nicht zu morden. Wenn auch niemand
von uns um das Töten gänzlich makelfrei herumkommt.
Naheliegend ist, dass viele Naturisten zugleich VegetarierInnen
sind: nicht wegen der gruppendynamischen Anziehungskraft
von Mehrheiten, nicht aus abstrakten Gedanken. „Natürlich“.
Selbst gesund sein und nicht unnötig töten, gar industriell töten
lassen: Ist das die oft ersehnte „Rückkehr zum Paradies“?

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