Hätte Jesus FKK gemacht

Hätte Jesus FKK gemacht
Thomas Holtbernd

Zunächst scheint es abstrus zu sein, die Frage zu stellen, ob Jesus sich auch unbekleidet unter die Menschen gemischt hat oder hätte. Historisch dieser Frage nachzugehen, wäre wohl auch unlauter und reine Spekulation. Das Interesse an einer Antwort dürfte dabei mehr von Ideologie getragen sein als von einem redlichen Bemühen um Aufklärung. Doch diese Frage im Sinne einer konstruktiven Provokation zu verstehen und den dadurch ausgelösten Fantasien, Ängsten und Verunsicherungen nachzugehen, kann die Einstellung zur Nacktheit, zum eigenen Körper und zur Sexualität zu mehr Klarheit führen. Vor allem dürfte bewusst werden, wie stark eine vermeintliche Ehrfurcht, anerzogene Vorstellungen von dem, was „heilig“ oder göttlich ist wie auch unsere Hemmungen, dem Heiligen konkret leiblich entgegenzutreten, auf unsere Denkweise wie auch unsere Gefühle eingewirkt haben und immer noch einwirken. Es ist dabei äußerst schwierig und wohl auch nicht zu lösen, eine „heilige Scheu“ von dem zu differenzieren, was an Vorstellungen und Überzeugungen durch unsere Erziehung und Sozialisation geformt wurde. Die enge Verbindung von Erotischem und Göttlichem lässt sich über alle erzieherischen oder kulturellen Prägungen hinweg jedoch nicht leugnen.


Die Auseinandersetzung mit der Frage, wie menschlich Jesus war – und das Nacktsein lässt sich von dieser Frage nicht trennen -, ist für die Geschichte des Christentums geradezu kennzeichnend. Die ersten „Streitigkeiten“ und ideologischen Auseinandersetzungen gingen genau um diese Frage. Ist Jesus menschengleich oder menschenähnlich? Nimmt man an, dass Jesus ganzer Mensch und ganzer Gott ist, dann ist ihm auch alles Menschliche und damit die Sicht auf den nackten Körper nicht fremd. Mit dieser theologischen Auseinandersetzung um das wesensmäßige Menschsein Jesu ist eine weitere Problematik verbunden. Die Vorstellung von einem Paradies und der dort herrschenden Unschuld ist verknüpft mit Nacktheit. Erst durch den Sündenfall wird sich der Mensch seiner Blöße bewusst. Bewegungen, die das Natürliche oder Unschuldige hervorheben, verbinden dies meist auch mit der körperlichen Nacktheit. In der Geschichte des Christentums traten immer wieder „Ketzergruppen“ wie die Adamiten auf, die das Zurück zum unverdorbenen Ursprung und zur Reinheit der Lehre konkret mit ihrer Nacktheit vertraten.
Die Scheu vor der nackten Wahrheit
Den Menschen Jesu in seiner Unschuld und damit auch in seiner paradiesischen Nacktheit darzustellen, ist nur sehr selten vorgenommen worden. Findet man durchaus das Kind Jesu in Gemälden oder Skulpturen unbekleidet, dürfte sich kaum eine Darstellung des erwachsenen Mannes Jesu in seiner Nacktheit finden. Eine Ausnahme bildet das Kruzifix von Michelangelo, das in der Sakristei des Klosters Santo Spirito in Florenz ausgestellt ist. Bei diesem Werk des wohl jugendlichen Michelangelo ist die Scham nicht wie üblicherweise verhüllt, die Jesusfigur ist vollkommen nackt. In der sixtinischen Kapelle hatte Michelangelo beim „Jüngsten Gericht“ ebenso nackte Menschen gemalt, die jedoch im Auftrag des Papstes vom spöttisch genannten Hosenmaler Daniele da Volterra an den entscheidenden Stellen übermalt wurden. Es stellt sich die Frage, ob das Vermeiden der Darstellungen von nackten Menschen in sakralen Räumen oder des Gottessohnes als unbekleideter Mensch eine Scheu vor dem Göttlichen ist oder ganz anders begründet werden könnte?
Die Ambivalenz im Umgang mit Erotik
Zunächst liegt es nahe, etwas, was einem wichtig und heilig ist, möglichst so darzustellen, dass es nicht in den Schmutz gezogen oder von Unbeteiligten missinterpretiert werden kann. Jesus in die Nähe von Prostitution zu stellen, wie man dies bei Maria von Magdala nicht machen sollte, ist doch die sog. Sünderin, die Jesus die Füße salbte, eine andere Person gewesen, könnte, wird dadurch abgeschwächt, dass Maria lediglich als Sünderin bezeichnet wird. Auf der anderen Seite war Maria als Prostituierte in der Kirchengeschichte jedoch sehr präsent, in den Magdalenenheimen kümmerte man sich um „gefallene Mädchen“ und Maria von Magdala ist u. a. die Schutzpatronin der Verführten. Die Scheu vor dem Göttlichen scheint sehr ambivalent zu sein. Auf der einen Seite werden Genitalien wie in der Sixtinischen Kapelle übermalt, auf der anderen Seite sind einige Texte von Mystikerinnen hocherotisch. Um die Nähe zum Göttlichen zu beschreiben, wird die Symbolik des Erotischen genutzt. Und umgekehrt wird das offensichtlich Sexuelle als Blasphemie verurteilt. Die Vermeidung des Nackten scheint mit der Unfähigkeit verbunden zu sein, diese Ambivalenz aushalten zu können. Um es konkreter zu formulieren, ein Mensch, der sich nackt präsentiert, zeigt ganz offensichtlich auch sich in seinen sexuellen Möglichkeiten. Damit ist gleichzeitig eine potenzielle Vereinigung assoziiert, die so intensiv sein kann, dass sich das Ich darin verliert. Eben diese Erfahrungsdimension spiegeln die erotischen Texte z. B. einer Mechthild von Magdeburg oder eines Johannes vom Kreuz wider. Die Angst, Jesus nackt zu sehen, resultiert hieraus folgernd eher aus der persönlichen Instabilität als aus dem Beschützenwollen des Heiligen. Die Andeutung der tiefen Vereinigung durch die Assoziation des Nackten mit dem Sexuellen verunsichert Menschen, die Angst haben, ihr Ich bei dieser Vereinigung verlieren zu können.
Jesus hätte sich eine Badehose angezogen
Denkt man sich Jesus als einen Menschen, der das Menschsein in seinen Tiefen kennt, dann wird er auch die Angst des Menschen vor dem Verlust des Ichs gekannt haben. Er wird damit gewusst haben, dass sein Nacktsein andere in Verwirrung bringen kann, gerade weil er eine große Anziehungskraft und ein großes Charisma hat. In dieser Sensibilität hätte er den FKK-Strand am See Genezareth gemieden, obwohl gerade Jesus sich unter paradiesisch Nackten wohl gefühlt hätte, da er ohne Sünde war. Die Frage, ob Jesus FKK gemacht hätte, erweist sich somit als eine Frage nach dem, was Menschen in das Nacktsein hineindeuten. Die Auseinandersetzung mit dieser Frage deutet ferner an, dass die eigentliche Problematik nicht das scheinbar Offensichtliche ist, sondern die psychische Dimension. Die Fragen, ob die Darstellung des Gottessohnes als nackter Mann anstößig ist oder ob zwischen Jesus und Maria, der Schwester des Lazarus, mehr als eine platonische Beziehung war, erweist sich als eine Form der Verdrängung. Grundlegend ist die Frage nach der Angst vor dem Verlust des Ichs durch die intensive Vereinigung mit dem Göttlichen. Kann ein Mensch auf diese Anforderung eine Antwort geben, wird er die Beantwortung der Fragen um Nacktheit, Erotik und Sexualität offen sein lassen können. Umgekehrt verlagert er die notwendige Energie für die Stabilität seines Ichs in eine Ideologisierung und Verteidigung der aufgestellten Ideologie. Bei einem instabilen Ich wird dann jedoch der Zusammenbruch der Ideologie seine gesamte Persönlichkeit infrage stellen. Eine stabile Persönlichkeit kann Antworten aushalten und muss sie nicht abwehren. Ob die Antworten „richtig“ sind, das kann sich dann erweisen.