Stadt erlaubt Naturismus am Zuckerhut

Stadt erlaubt Naturismus am Zuckerhut FKK-Revolution in Rio de Janeiro

 

Endlich ist erlaubt, was seit 30 Jahren bereits „illegal“ praktiziert wird. Rio de Janeiro hat ein Gesetz erlassen, das FKK am Strand Abricó offiziell gestattet. Für das eigentlich recht prüde Brasilien gleicht dies einer kleinen Kulturrevolution.

 

Wer hierzulande an Brasilien denkt, hat gleich den Karneval vor Augen und damit knapp bekleidete Sambatänzerinnen – weshalb Touristen die Brasilianer für gewöhnlich für ein freizügiges Volk halten. Dabei ist das südamerikanische Land vor allem eins: katholisch und im Grunde doch recht prüde. Vom Karneval abgesehen, bei dem das Land eine Art kollektiven Ausnahmezustand feiert, ist Freizügigkeit verpönt. Natürlich wussten sich die Brasilianerinnen zu helfen: Wenn schon Nacktheit nicht möglich war, so sollte der Bikini zumindest ein Annäherungsversuch daran darstellen. Das Ergebnis ist wohl die knappste Bademode der Welt: der Tanga-Bikini, der auf Portugiesisch schlicht nur „Fio dental“, Zahnseide, genannt wird. Dennoch ist oben ohne am Strand in Brasilien strengstens verboten, ebenso das schnelle An- und Ausziehen von Badehosen oder Bikini-Oberteilen. Wer es trotzdem tut, riskiert eine Verwarnung, Geldstrafe oder gar eine Festnahme. Zuletzt hatte es kurz vor dem Start der Fußball WM Proteste von Aktivistinnen gegeben, die das Topless-Verbot aufgehoben sehen wollten. Ihre Bemühungen blieben jedoch ohne Erfolg. Denn was in Europa ganz normal ist, gilt in Brasilien als „obszöne Handlung“. Zwar gibt es im größten Land Südamerikas bereits „legale“ und entsprechend gekennzeichnete FKK-Strände, etwa Pinho in Santa Catarina – in Rio jedoch schien das bislang undenkbar. Deswegen gleicht das Gesetz, das nun in Rio de Janeiro verabschiedet wurde, einer kleinen Revolution, oder besser gesagt: der Begründung dafür. Weil aufgrund von Großereignissen wie zum Beispiel den Olympischen Spielen 2016 immer mehr Touristen, in deren Heimat die Freie-Körper-Kultur „weit verbreitet“ sei, in die Stadt kämen, habe man sich entschlossen, den seit Jahren von Naturisten frequentierten Strand von Abricó im Westen Rios offiziell zum Naturistenstrand zu machen, so Stadträtin Laura Carneiro, auf deren Initiative das Gesetz zurückgeht. In anderen Bundesstaaten Brasiliens habe sich gezeigt, dass FKK-Strände, die entsprechend gekennzeichnet seien, einen positiven Effekt auf den Tourismus gehabt hätten, zitiert die Website „Globo“ Carneiro. Wobei die Fußball-WM ein entscheidender Faktor für die Realisierung des Gesetzes war. Laut „Globo“ hätten viele während ihres Rio-Besuchs die Gelegenheit genutzt, um in Abricó der Nacktheit zu frönen. Letztlich zog die Gesetzgebung nur nach und legalisierte das, was ohnehin längst Usus war. Einige Regeln gibt es aber dann doch. So ist der Strand nicht ausschließlich Naturisten vorbehalten. Auch Bekleidete haben das Recht, ihn zu nutzen, wie es in einer Mitteilung des Umweltamts von Rio heißt. Letztere müssten allerdings die Naturisten respektieren. Und, selbstverständlich, ist das Filmen oder Fotografieren ohne Erlaubnis verboten, ebenso wie „obszöne oder sexuelle Handlungen“.

Das Gesetz liefert auch gleich eine Definition von Naturismus. Demnach handele es sich dabei um „die Gesamtheit von Lebenspraktiken unter freiem Himmel, die den Naturismus als Möglichkeit zur Entwicklung der körperlichen und geistigen Gesundheit von Menschen jeglichen Alters durch deren vollständige Einbindung in die Natur beinhalten“. Man kann es auch komplizierter machen, als es in Wahrheit ist.