Rabensommer

A. v. Tell-Malheur
Rabensommer
Der Südföhn hat sich aus Afrika auf den Weg gemacht.
Bringt roten Saharasand.
Hoch oben, wo am Morgen fifteen aircrafts aus thirty airbrushes
eisige Cirrus-Gitter hinterlassen haben, wird jedes Korn Kondensate
bilden, die Thermik wird Wolken türmen, mit grell Blitz und
mächtig Bumm werden sie tennisballgroßen Hagel gebären.
Der Bauer erntet. .
Weizen staubt. .
Stoppel bleiben.

 


Insel weggebrannt habe, Brennen zielt exakter
als flüssiger Stickstoff, liege ich zufrieden am Bauch und döse.
Die Vogelstimmen des frühen Morgens sind weggeblasen.
Andere Singvögel kreisen. Schwarze Raben Landen mit einem "Poch!" auf dem
Vordach, rappeln eifrig rum und klopfen mit den Schwingen:Wo das Futter bleibt?!
Ich habe eine Spur gelegt. .
Sie haben eine Regel entworfen. .
Eben halte ich mich nicht daran.
Raben pecken keine Augen aus, sie stehlen nicht, sie halten Nachschau.
Menschen stehlen. Man soll das nicht klauen nennen: alles versehentlich.
Sie sind in Ehren alt: Klauen wie die – nein: Nein!
Wenn die Türe zu ist, kommen sie. Die Raben.
Am liebsten, wenn ich tatsächlich (nicht bloß scheinbar) weg bin.
Zwischen Scheinbar und Fakt unterscheiden sie mit Grandezza.
Da kann ich ihnen selten was vormachen.
Solang sie Junge zu füttern hatten, war ihnen das egal.
Scheinbar ziellos hoppeln sie querfeldein: Dir den Stoß zugewandt,
beobachten sie aus dem hintersten Augenwinkel, über die blauschwarz
glänzende linke Schulter weg, jede kleinste Regung.
Links, das hängt mit der Embryonalstellung
zusammen, in der das Köpfchen in 90% aller
Fälle eben auch links gelegt ist.


Uninteressiert.
Hopp.
Weg.
Dann plötzlich landet eine, vier Sidesteps, und die Pinzette fasst zu:
so viel nur geht. Bis zu vier Brocken. Süß muss es sein, Nuss.
Fleisch bleibt liegen. Fällt der vierte Happen ab, fallen alle, die
Reihung wird geklärt: der kleinste erst, zuletzt der größte.
Manchmal ein Aufflattern, Fallenlassen, wenn es Ameisen abzuschütteln
gilt.
Oder aus Übermut: Der Mensch ist nicht da! Der
Mensch ist nicht da! .
(Ist er doch.) .
Abflug.


Ist keine Spur gelegt, kommen beide vorbei, sie
scheinen lange Jahre schon ein Paar. .
Uninteressiert.
Kennen doch jede Falte meines Gesichts.
Mutter und Vater Rabe sind sonst geräuschlos,
die Halbwüchsigen machen Krach. .
Kräh-kräh-kräh! Immer drei Mal. .
Was sagt zwei- oder vier Mal? Dummkopf ist da?
Warnung?
Mutter Rabe scheint sich zu langweilen. Sie kann
auch auf Taube: Brruurr?, Brruurr?
Mache ich Brruurr, Brruurr retour, legt sie den
Kopf schräg und schaut indigniert: Analphabet.
Ich döse noch. .
Der Wind bläst den Schweiß weg. Kühlt
verführerisch.
Sonne brennt, als gelte es hier und jetzt, sich
zum Roten Riesen zu blähen. Die drohende
Durchdringung der Galaxien vorwegzunehmen.
Noch fünf Milliarden Jahre, bis von all dem hier
kein Atom mehr ist?
Zwischen den Wimpern beobachte ich flatternde
Schattenhaare:Wimpern, Brauen. .
DieWiese ist grün. .
Musste gemäht werden. .
Ernste Gartenzwerge köpfen mit surrenden Maschinen
massenweise Gänseblümchen. .
Jedes Gänseblümchen folgt einer geheimnisvollen
Algebra. Die Blütenblätter sind in 13, 21
und 34 (55) als Fibonacci-Spiralen angeordnet.
Primzahlen. Die Fibonacci-Zahlenfolge steht in
Beziehung zum „Goldenen Winkel“, dessen Vielfaches
immer fast genau 360 Grad ergibt.
Ist doch sowas von Wurscht. .
Hauptsache, es gibt bald wieder Extra-Portionen
für den teuer gepflegten Kugelbauch. Entleeren
wir noch rasch die vielen, vielen abgesäbelten
Köpfe in große Säcke. .
Diese dann hau-ruck! in den Bio-Müll. .
Danach duschen.
Unser Täglich Bier gib uns heute, Johanna.
Freitags Fisch, manchmal Hirn oder Blunzn, und
ordentlich von Omas Original-Erdäpfelsalat. Und
schön fette Kuchen. Zum Abschied krieg‘ ma no
a Krügerl, bitte sehr. .
Und ein's zum Spülen. .
Ein Tangentenbier für die Heimfahrt. .
Ein Einschlaferl.
Es ist ja so, dass man wirklich nur gaaaanz kurz,
beim Kippen, vielleicht ein bisserl aus dem Rahmen
rutscht, danach ist's brav ruhig im Schlafen
sitzen – im Sitzen dösen. Und die Welt ist wieder
heil.
Die Türe zu den Gemeinschaftsduschen bleibt
selbst bei plus sechs Grad und bullernder Heizung
offen – egal, was dran und drauf steht, frau
kriegt späte Wallungen, wenn sie nach einer
Stunde Haarfön, schön heiß geduscht, im frisch
gewaschenen Bademantel vor dem dezent beschlagenen
Spiegel steht und den Inhalt des
Schminkköfferchens vor, neben und hinter sich
ausbreitet.
Frischluft muss sein. Wer sich nicht anzieht, ist
Extremist, soll frieren. .
Wenn Extremisten sich aber anziehen, wollen sie
nur provozieren. Mir loss‘n si ned provoziern. .
Gehen sie im warmen Regen nackt – nasses
G'wand eist, Schirm stört – , fragt es aus allen
Hecken, ob ihnen denn nicht kalt ist. .
Das Niernderl zwickt früher als man denkt. .
Die gemeinsame Nirosta-Abwäsche ist, laut Piktogramm-
und Textplakat, „gereinigt zu hinterlassen“.
Der Münzer ist defekt: Jetzt Warmwasser ohne
Fünfschillingmünzen. Daneben ein neues Piktogrammplakat:
„Glühbirne: Idee! – Kocher: selber
wärmen.“
Fünfschillingmünzen sind die interne Währung
für Warmwasser. Sind genug eingeworfen, werden
sie wieder eingesammelt. Sind genug eingesammelt,
werden sie gegen Bares wieder ausgegeben.
Das Bare wandert in die Kassa. .
Kreislaufwirtschaft. Spiralgesellschaft. .
Dass da noch keiner ein Souvenir hat mitgehen
lassen...
Tatsächlich hinterlassen nicht bloß Kinder, die
immer wieder lippenhängend zum Abwasch eingeteilten,
Schaum, Erdschmiere, Paprika, im Ausguss
lätscherte Zwiebelwürmer, Salat. .
Und irgendwo die Plastikhülle von einem leeren
Spielzeug-Ei, das wohl aus der Sandkiste kam.
Kinder kennen keine FKK-Abwaschmoral.
Die Closette leiden an gebrochenen Brillen: Gibt
es unter all den Runden und Aberrunden auch
echte Abtrittmonster? Pinkelei von ganz oben?
Steht am Brett die Turnerrige? .
Der riesige Park ist paradiesisch. Endlose Weiten
unter Schönwetterwolken – Freiheit. Glück. .
Vor dem Eingang des Paradieses steht, in dem
Fall, kein Schlüsselpeter. Das Auge der Camera
sendet ein Bild an die Küche.
Die Biologie, von Anbeginn, lebt–stirbt doch ganz
ohne Petrus Sanctissimus. .
Letztens Rennbahn-Idol, diessens Rollatormann.
Letztens flehmender Hengst an blitzenden Stuten,
diessens Dauerkatheterist. .
Letztens Ekel-Schnösel – diessens milder Freund.
Säuglings- und Greisenmund ähneln einander
frappant – ein wenig anders nur: der Geruch.
Es gibt den medizinischen Begriff der Fallhand,
die sich einstellt, wenn die Nerven der Strecker
lädiert sind – etwa nach langer Fesselung im OP
oder durch eine degenerative Erkrankung, auch
präterminal, dann als eine Form biologischer Gerechtigkeit:
Am Übergang kannst du das tränenreich
untergeschobene Testament ja nicht mehr
unterschreiben, Herr Notar resigniert, beim Leichenschmaus
werden sie schon deftig streiten.
Wie vieler Häuser Wert strandete schon beim
Rechtsanwalt?
Wir alle fallen. .
Still reimt es in mir weiter: .
Noch bleibt uns Zeit – .
Bald schon raschelt Herbst .
aus mittagheißen Ähren.
Über einem der vielen Gästewagen weht eifrig –
manchmal hängt – ein National-Flagg. .
Ein National-Chauvi zeigt, dass er das kann. Sonst
ja ganz höflich, exakt: Das abendlich-entflammte
Teelicht genau in des Tisches Mitte. Stöche man
mit dem Zirkel mittig durch den heißen Docht
ein, könnte man das perfekte Rund des Plastiktisches
prüfen. .
Manche finden das recht bunt. Bloß einer – zu:
Teutsch-Rot-Gold, Teutsch-Rot-Gold.
Dem Nachtigall ist's egal. .
Herrn Amsel am Morgen auch. .
Deren Frauen reden nicht.
Das spiegelnde Wasser ist fischfrisch – außen
noch zwölf Grad.
Nackt.
Heute schon gelächelt?
Das neue Licht strahlt gelbgold über die Wiesen
zwischen nachtfeuchten Bäumen: Danke für diesen
neuen Tag. .
Vor den Toren: die Welt, wie sie nun eben auch
ist. Mein neuer Tag wird 169 Euro 99 teuer.
Unser Grasmähmotor ist am Ende beim dritten
Nachbarn durchgebrannt. Ich mähe auch schon
zu viel. Die Firma mit den haltbaren rot-gelben
ist eingegangen, ich bin darum schwer depressiv:
Nun kriege ich ein Ding, das ausschaut wie ein
Formel-Eins-Wagen und wohl ähnlich treu ist.
Die meisten mähen vor Sonn- und Feiertagen.
Dann kommen auch Gäste – ein Baustein: fünf
Euro fünfzig. Die sind häufig schläfrig-textilophil,
lassen stolz ihre Zweijährigen chice Spezial-Bikinis
tragen. Normal-Bikinis für Zweijährige – welche
Konfektionsgröße wäre das? Quadrupel-
Null? Danach schreien sie klarerweise bald alle:
„Bikiiiiini haben!“. .
Zwei kleine Buben stehen versonnen und kneten
dabei den Pipimann zwischen Daumen, Zeigeund
Mittelfinger, bis er andeutungsweise wegsteht.
Kein Päderast hier, der davon leicht feuchte
Lider bekäme. .
Die Normal-Angezogenen sind Gäste im Normal-
NaturistInnen-Park, weil sie's doch allzu gern so
herrlich weit und ruhig haben.
Solang‘ sie hier keiner irgendwie blöd anmacht.
Toleranz ist ein Men-schen-recht.
Wer wird bei sowas Läppischem denn intolerant
sein. Manche schreiben intollerant – oft toll ist
auch verkehrt. Ist doch egal. Oder? Hauptsache,
ich darf, was ich will. – Ich tu‘ was ich will – egal.
Toleranz wäre, umgekehrt, Nackte nicht überall
anderswo bei Strafe in die Calzone zu zwingen.
Auch die Küchenfee hat gesagt: „Naturismus ist,
wenn man in der Natur ist. Basta.“ ... und als sie
darin nicht vollends Recht bekam, hat sie mit
dem Messer gefuchtelt. Nicht ernst, zwar. Aber
sie hat. Clothing-optional – Laissez-faire – Lassen!
Neuorganisation des Kind-Hirns in Opposition: .
Aufmümpfig-gelassen durchstreunen fünf pubertierendeMädels
die Dämmerung: nackt, nach 10:
zwei kleine Brüder an der Hand, die sich freu‘n.
Um fünf beim Duschen scharren ein paar in den
Startlöchern vor der aufdämmernden Vorstandswahl:
atmosphärische Brisanz im Basisparadies.
Doomsday. Mene mene tekel u-parsin: Gezählt,
gezählt, gewogen, aufgeteilt (an die Perser? An
die Russen? An wen?). Um elf wächst ein zweiter
„Vorstands-Schirm“ neben dem ersten: Essen.
Eben hat ein schwarz glänzender Eindringling mit
weißer Blesse im Tiefflug die neue Futterstraße
durchpflügt, hat geklaut. In zehn Metern Lufthöhe
schießt Herr Rabe, etwas spät, an ihn ran
und watschent ihn gehörig ab, damit er sich das
hier erst gar nicht angewöhnt. Im Sturzflug rettet
sich der Knabe Rabe.
Frau Rabe betrachtet derweil still das Futterchaos
und pickt verlassene Brösel auf. .
Brruurr?, Brruurr?
Am frühen Morgen kommen bisweilen auch
winzige Blau- und Schwarzmeisen. Frau Rabe hält
sich wohl bisweilen für eine Turteltaube. Keine
Ahnung ... oder Ringeltaube? Frau Rabe-Taube,
die Gattin des eben-noch-wilden Futter-Rächers,
könnte auf jeden Fall dreißig Jahre alt werden. In
trauter Zweisamkeit.
Wieso sind diese Raben neben all den Saat- und
Nebelkrähen heuer schon wieder bei 36, letztens
40 Grad, überhaupt dageblieben?
Ist ihnen die Ukraine zu heftig verstrahlt? Sehen
sie etwa hundert Kilometer über Tschernobyl
eine psychedelisch-blauviolette Halbkugel-Aura?
Oder schwirrt derzeit zu viel Blei dort in der Luft?
Endlich wieder heiß heute.
Während ich döse, wird vollkommen lautlos die
Rabenstraße leergepickt. .
Fluchtdistanz: umso kleiner, je döser. .
Bald hinein – Sommerbrand meiden, Nachschub
holen.
Derweil klappert und rußt zehn Meter weiter der
neue Grill unter rabenschwarzer Kohle.
Auf einen neuen ... .
Rabensommer.
Rainer Maria Rilke (1875-1926) .
Herbst. (Aus: Das Buch der Bilder)
Die Blätter fallen, fallen wie von weit, .
als welkten in den Himmeln ferne Gärten; .
sie fallen mit verneinender Gebärde. .
Und in den Nächten fällt die schwere Erde .
aus allen Sternen in die Einsamkeit. .
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt. .
Und sieh die andre an: Es ist in allen. .
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen .
unendlich sanft in seinen Händen hält.
(s.a. V. J. Ellmauthaler: Sieben Rilke-Lieder. – Wien: editionL 2012.)
© 2014 by A. v. Tell-Malheur | Wien, Austria. Photos included. All rights reserved.
memento mori: Zwischen Geburt und Tod liegen wenige glückvolle Jahre.
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