Schamverlust

Hat sich das Schamempfinden unter Naturisten verändert ?
Journalist Ulrich Greiner gibt eine Vorlage für ein Nachdenken in der FKK-Bewegung
Von Christoph Müller
Es passiert nur selten unter den Anhängern der Freikörperkultur, sich über das Schamempfinden zu unterhalten. Noch schwieriger erscheint es, unter Naturistinnen und Naturisten den Begriff der Scham zu erklären. Kennen Naturisten keine Scham, keine Verlegenheit, so dass sie am Strand, am See oder sonstwo in der freien Natur einfach blank ziehen ?

Ist die Freude am Nacktsein verbunden mit einer Protesthaltung in der zeitgenössischen Gesellschaft ? Es wäre mehr als eine Gelegenheit wert, sich unter den Freundinnen und Freunden der Freikörperkultur darüber zu unterhalten, was die Motivation für das Eva-und Adam-Kostüm in der freien Natur ist.
Das Buch „Schamverlust – Vom Wandel der Gefühlskutur“ eröffnet zahlreiche Möglichkeiten, den Diskurs zu beginnen. Der gelernte Journalist Ulrich Greiner macht etwas Bemerkenswertes. Er beobachtet zeitgenössische Phänomene und „unterfüttert seine Überlegungen mit Erkenntnissen bedeutender Philosophen und Soziologen“ (Buchumschlag). Darauf beschränkt er sich nicht. Greiner nimmt sich auch Literatur zur Hilfe, um den Wandel des Schamempfindens zu illustrieren. Was die Menschen in der Freikörperkultur aufhorchen lassen sollte, ist die Tatsache, dass er immer wieder an die Naturistinnen und Naturisten erinnert.
Ob sich unter den zahlreichen FKK – Begeisterten das Schamempfinden verändert hat, dies fragt Ulrich Greiner nicht. Dies ist sicher auch nicht sein selbst formulierter Auftrag gewesen. Für die FKK – Begeisterten könnte das Buch „Schamverlust“ Anstoß sein, darüber nachzudenken. Greiner erzählt in seinem Buch davon, dass die Familie eines Freundes ein großes Geheimnis daraus gemacht habe, der Vater sei der Herausgeber einer Zeitschrift eines Naturistenvereins. Über die Freundin schreibt er: „Sie machte ein Geheimnis daraus, als ginge es um etwas Verruchtes oder gar Strafwürdiges. In Wahrheit ging es lediglich um FKK-Fotos …“ (40 / 41)
Hat sich daran etwas geändert ? Es bedarf natürlich einer Diskussion um die Natürlichkeit von Nacktheit, aber auch um die Thematisierung von vermeintlichen Tabus. Dass in einem Buch wie Greiners „Schamverlust“ der aus der Jeanshose einer jungen Frau herausblitzende Stringtanga mit dem Wandel des Schamempfindens konnotiert wird, macht eine Aussage über das zeitgenössische Denken und Fühlen.
Ulrich Greiner hat eine beeindruckende Studie geschrieben, die zu manchem Austausch anregen sollte. Wenn er schreibt, dass „die uns vertraute Unterscheidung von öffentlich und privat nur unzureichend den Wandel der Verhaltensformen“ beschreibe, so ist ihm zuzustimmen. Wenn er behauptet, „dass mit dem Verdikt „Zeitalter der Schamlosigkeit“ das letzte Wort keineswegs gesprochen“ sei, so unterstreicht er die Notwendigkeit einer bislang ausbleibenden gesellschaftlichen Diskussion (50).
Unter dem Begriff der „Peinlichkeitsfurcht“ spricht Greiner einen Schweißfleck unter den Achseln von Angela Merkel bei einem Besuch in Bayreuth an. Wenn man diesen Gedanken weiter verfolgt, stellt sich natürlich die Frage, inwieweit es peinlich ist, trotz Brustentfernung oder eines unvorteilhaften Körperbaus der Freikörperkultur zu frönen. Wer Greiners Buch „Schamverlust“ mit dem Selbstverständnis eines Naturisten liest, der findet eine hervorragende Fundgrube, über das eigene Verhältnis zum Nacktsein und zum Naturismus nachzudenken. Noch mehr, er findet viele Ideen, in FKK-Kreisen Gespräche zu beginnen, die eher vergessen werden.
„Das Ich in der Literatur ist immer ein gespiegeltes. Der Akt des Schreibens geht unweigerlich einher mit Formgebung, Übersetzung, Inszenierung. Das betrifft auch den Ausdruck der Scham. Die Scham, die ein Ich im konkreten Augenblick unwillkürlich, widerwillig empfindet, ist eine andere als die im Text Gestalt gewordene Scham … Der Unterschied besteht nur darin, dass wir uns über das zur Sprache gewordene Schamgefühl verständigen, vielleicht daraus lernen können.“ (129 /130)Wer diese Gedanken liest, macht sich im Nachhinein Gedanken zum Akt des Fotografierens. Welche Bedeutsamkeit dies hat, erkennt man nicht nur an der Bedeutung der Fotografie für den organisierten Naturismus. Wer in Zeiten des Missbrauchs solcher Fotografie über Greiner Zeilen nachsinnt, spürt sich in das Schamempfinden naturistischen Fotografierens hinein.
Ulrich Greiner beschreibt ein breites Kaleidoskop der Scham und des Schamempfindens in seinem Buch „Schamverlust“. Über die „Ursprünge von Schuld und Scham“ denkt er nach. „Exzesse der Scham“ beschreibt er. Von „Schamlust, Schamangst“ schreibt er. „Schamkultur, Schuldkultur“ rückt er in den Fokus der Betrachtungen. Gerade der FKK-Begeisterte findet eine inhaltliche Fundierung, um über das eigene naturistische Selbstverständnis zu sinnieren.
Ulrich Greiners Buch „Schamverlust“ ist ein Buch, das von ungeheurer Aktualität und Brisanz zu sein scheint. Es ist wert, breiter rezipiert zu werden. Nehmt es aus den Bücherregalen Eurer Buchhändler und setzt Euch in Eure gemütlichen Sessel oder Eure kommoden Campingstühle. Es werden sicher abwechslungsreiche Stunden.
Ulrich Greiner: Schamverlust – Vom Wandel der Gefühlskultur, Rowohlt – Verlag, Reinbek bei Hamburg 2014, ISBN 978-3-498-02524-3, 348 Seiten, 22.95 Euro.