Versuch über das Unsägliche

Volkmar Ellmauthaler: Versuch über das Unsägliche,
Edition L, Wien 2013, ISBN 978-3-902245-12-0, 70 Seiten,
10 Euro.
Was gehört denn eigentlich hinter verschlossene Türen ? 

Ist es das Entblößen, das der Öffentlichkeit tunlichst entzogen werden soll ? Oder ist es eben das „Unsägliche“, von dem der Medizinpsychologe Volkmar Ellmauthaler in seinem neuen „Versuch“ schreibt ? Das Unsägliche, das in verschämter Einsamkeit verrichtet wird: im Dunklen – erinnert uns das an etwas? Ja, so kann das Büchlein verstanden werden: als ein herrlich amüsanter, intellektuell anspruchsvoller Essay über Defäkation und Flatulenz und alles, was dieses lustvoll macht. Es kann aber auch als eine Paraphrase auf Peter Handke gelesen werden, auf dessen Versuch über den Stillen Ort (2012). Die Einleitung lässt Handkes meisterhafte Sprache durchschimmern, ohne sie zu imitieren. Bezieht sich auf den Ort, den Locus. Den Abort. Nun sind Furzen und Kacken in Ellmauthalers Blick geraten. Und mehr: Entdeckt wird das Tierische in uns, eine wieder anders „unsägliche“ Verwandtschaft mit dem Tier. Wir ahnen „das Tier in uns“.

Nach der Lektüre des Buches „Versuch über das Unsägliche“ ist wieder einmal das Unmögliche geschehen: Ein banales Bedürfnis kann tatsächlich intellektuell anstrengend sein. Ellmauthaler scheint diesen Essay mit einem breiten Grinsen im Gesicht geschrieben zu haben, wenn er manche Genies, die wir nur von ihren Podesten her kennen,  – sachlich begründet – Analerotiker nennt.  „Versuch über das Unsägliche“ steht in einer Linie mit einer anderen Veröffentlichung des Wieners Ellmauthaler. Mit seinem Buch „Nackt“ hat er im Jahre 2012 eine umfangreiche Sammlung von Arbeiten zu vielerlei Aspekten des Nacktseins vorgelegt. Nun, mit dem „Versuch über das Unsägliche“ bringt er uns neuerlich seine Begeisterung für das ganz Alltägliche nahe: schlüssig und überzeugend. Mit dem Blick auf einen Song der 1980er-Jahre–Band „Erste Allgemeine Verunsicherung“ stellt er dar, wie schwierig sich viele Menschen mit dem Genuss des Ausscheidens tun: „Was die Kabarettisten und Songwriter in den Achtzigerjahren enttabuisieren, ironisieren, ist zugleich ein Spiegel der Gesellschaft und deren zwänglicher Erziehungsformen …“ (16) Mit seiner umfassenden Bildung erinnert Ellmauthaler daran, dass sich namhafte Künstler mit dem Furzen und Kacken beschäftigt haben. Auf seine unnachahmliche Weise weiß Ellmauthaler immer wieder an den ungeahnten Wert des scheinbar Ordinären, also „Unsäglichen“ – in dem Fall des Tabu-besetzten, dennoch grundsätzlich lustvollen Flatulierens und Defäzierens aus der Kindheit –  zu erinnern: „Körperfunktionen – besonders die Sexualorgane und Ausscheidung betreffend – sind im Gegensatz zur höchst kultivierten Nahrungsaufnahme zwar auch Gegenstand erotischer und destruktiver Phantasien, doch erscheinen sie ursächlich entkoppelt: Sie lösen das innerpsychische Ventil geknechteter Kinderseelen (oft in erwachsenen Körpern) aus – was der Gelegenheit schließlich Brisanz verleiht.“ (19) Die Beziehung des Sexuellen zum Genuss, des Eros in allem, was unser Leben betrifft, wird hier auf überraschend ungeschminkte Weise klar. Wie bei seinem „Nackt“-Buch ist Ellmauthaler bei dem „Versuch über das Unsägliche“ die Freude, geradezu die Lust an dem „Menschlichen“ anzumerken. Er schreibt das Buch jedoch nicht in der Weise, dass es als Provokation wahrgenommen werden könnte. Nein, das Buch „Versuch über das Unsägliche“ ist eine Lustschrift, keine Last- oder  Streitschrift. Dennoch fehlen politische Bezüge dort nicht, wo sie benannt werden müssen. Er steht für eine Relativierung des Grauens am Furzen und Kacken , am „Leiben“, am Lieben: „Körperfunktionen sind sinnvolle, unverzichtbare Vorgänge,  … insgesamt als eine Art funktionales Gesamtkunstwerk zu begreifen. Mit dieser Haltung darf der / die Einzelne sich erlauben, den Blick darauf zu richten. Sich diesen Vorgängen nicht länger aus einer anerzogenen Schreck-und Ekel-Reaktion mit unerklärlich heftiger Abwehr zu entziehen. Nicht anal-neurotisiert zu reagieren, sondern diese wichtigen Vorgänge und deren Produkte mit Sorgfalt zu behandeln.“ (58) Keine Frage: Mozart ist trefflich zitiert, aber in einem völlig neuen Kontext. Der bekannte österreichische Schriftsteller und Bühnenautor Peter Turrini bildet den dritten Punkt im „goldenen Dreieck“, das sich zum Thema aufspannt. Wenn dieser nachdenkliche und doch humorige Umgang mit dem „Natürlichen“ zwischen Sich-Einverleiben und Ausscheiden beim Thema Nacktheit und Naturismus auch gelänge, wäre vieles erreicht. Vielleicht kann der gefürchtete Schmerz der (Selbst-) Erkenntnis ganz einfach durch humorvolle Direktheit vermieden werden, kann hingeschaut werden, ohne zum Voyeur zu werden: mit Klarblick. Die Nackten könnten hier vorangehen. Ich bin gespannt darauf, worauf Ellmauthaler demnächst seine besondere Lupe richten mag.

Christoph Müller