Das schwache Geschlecht

Das schwache Geschlecht – Neue Mannsbilder in der Kunst,
Eigenverlag, Bern 2013, Kunstmuseum Bern (Hrsg.):
ISBN 978-3-906628-94-3, 271 Seiten, Schweizer Franken.
Aller guten Dinge sind drei. Dieses Gefühl hatte ich, als ich von der Ausstellung
„Das schwache Geschlecht“ im Kunstmuseum Bern erfuhr.

Die Ausstellung „Der nackte Mann“ im Lentos-Kunstmuseum im oberösterreichischen Linz hatte große Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Große Resonanz bekam die Ausstellung „Nackte Männer“ im Leopold-Museum in Wien. Nun will man in der scheinbar biederen Schweiz für ein Sahnehäubchen sorgen.
Eines vorweg: nackte Männer tauchen auch in der Berner Ausstellung „Das schwache Geschlecht“ auf. Denn sie zeigen die Männer zwar mit einer ausgeprägten Ausdruckskraft. Sie werden jedoch auch in aller Verletzlichkeit vorgestellt. Oder was assoziieren sie, wenn Sie einen Mann mit einem erigierten Glied in der Wüste anschauen ? Es mag für den ein oder anderen eine Provokation sein. Die Ausstellung „Das schwache Geschlecht“ verdient deshalb Beachtung, weil sie an den ein oder anderen Kern geht. Sie fragt Männer an, lässt Frauen das Bild, was sie von Männern haben, überdenken.
Für den Naturisten erscheint es konsequent, sich zum Beispiel dem Ausstellungsteil „Männlichkeit als Maskerade“ zu widmen. So steht über die Fotografien von Sarah Lucas geschrieben: „Sarah Lucas … imitiert in ihren Selbstporträts britisches Machogehabe, zitiert grobe Geschlechterklischees und visualisiert rüde Sexualbegriffe, um sich über die unbeweglichen Grenzen geschlechtlicher Verortung hinwegzusetzen.“ (184 / 185) Sarah Lucas macht die bekleidet. Mit dem Blick auf so manches Ereignis stellt sich natürlich die Frage, inwieweit die „Männlichkeit als Maskerade“ auch in der Freikörperkultur gelebt wird. Weshalb sollten Naturistinnen das Männlichkeitsgehabe von Naturisten nicht persiflieren ?
Die Ausstellung „Das schwache Geschlecht“ und der dazugehörige handliche Katalog können auch in der Freikörperkultur Anregung sein, die Geschlechterrollen und die Geschlechterstereotypien zu bedenken. Natürlich klopfen wir als Betrachter dann auch schnell an die Tür der Erotik. Wenn wir über diesen Weg zum Männlichkeitsgehabe kommen, dann hat die Beschäftigung mit dem Spannungsbogen von Freikörperkultur und Sexualität sicher eine Berechtigung. So erinnern die Filmausschnitte aus dem australischen Videofilm „Heaven“ an so manche Naturistin oder Naturisten, die der gesellschaftlichen Konvention oder der polizeilichen Aufforderung wegen in Kleidung schlüpfen muss.
So steht in diesem Kontext geschrieben: „Mit der Kompilation von Strandaufnahmen und männlichen Körpern widmete sich Moffatt genüsslich dem Akt des schamlosen Schauens. Es ist eine voyeuristische Fantasie … Moffatt spielt auf leichthändige Weise mit der Umkehrung von Schaukonventionen und mit der Machtposition des Zeigens und Enthüllens.“ (137)
Die Ausstellung „Das schwache Geschlecht“ lohnt sich in jedem Fall. Die nachdenkliche Naturistin oder der sinnierende Naturist wird manche Transformationsleistung bringen müssen. Es wird sich aber lohnen, um erneuert auf die eigene Freude an der Freikörperkultur schauen zu können. Vom Oktober 2015 bis Mai 2016 wird sie im Hygiene-Museum in Dresden zu sehen sein.
Christoph Müller

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