Bahnen ziehen

Leanne Shapton: Bahnen ziehen, Suhrkamp Verlag, Berlin 2012,
ISBN 978-3-518-46402-1, 325 Seiten, 18.50 Euro.
Es ist nicht das erste Mal bei der Schwimm-Gala der Internationalen
Naturisten-Föderation (INF) in Piriac-sur-mer im November 2013
gewesen, dass ich mir die Frage gestellt habe, was wohl die
Faszination des Schwimmens ausmacht.

Als ich dann das Buch „Bahnen ziehen“ der ehemaligen kanadischen Schwimmerin Leanne Shapton gesehen habe, ist die Neugierde so groß gewesen, dass ich es nicht in der Buchhandlung habe liegen lassen können. Es hat sich gelohnt, ins Bücherregal zu greifen. Denn Leanne Shapton, die heute unter anderem als Illustratorin arbeitet, führt in die Geheimnisse des Schwimmens ein, die weit über das Erlernen von Techniken hinausgehen. Das Buch „Bahnen ziehen“ erzählt von einer Leidenschaft, die den einzelnen Menschen in Beschlag nimmt. Schwimmen kommt als Lebenseinstellung daher, weniger als ertüchtigende Sportart. Die Überzeugungskraft von Leanne Shaptons „Bahnen ziehen“ findet sich genau in dieser Grundhaltung. Sie erzählt von den unzähligen Stunden, die sie in Schwimmbecken verbrachte, und den noch weniger messbaren Kilometern, die sie schwamm. Shapton berichtet von Trainingslagern, konkretisiert Beobachtungen, fabuliert über Verwandlungen der Menschen, wenn sie denn dann keine Schwimmer sind: „Ihre Körper sind mir vertraut. Weil im Badeanzug nichts verborgen bleibt, weder Größe noch Form, ist die Umkehr spannend, wenn die Konturen von Muskeln und Gliedern verhüllt sind: wie jemand sich das T-Shirt in die Hose steckt oder nicht, Bündchen zuzieht, Hände in die Taschen steckt.“ (138) Naturistinnen und Naturisten gehen diese Erfahrungen wohl. Es ist schon ein Unterschied, sein Gegenüber im Adam-oder Eva-Outlook zu erleben oder in irgendwelcher Kleidung. Ob es dann die Ursprünglichkeit des Unbekleidetseins oder den Eindruck zum Bekleidetsein ist, der einzelne hinterlässt auf jeden Fall Spuren. So wie die Freikörperkultur den einzelnen nicht unberührt lässt, prägend scheint wohl auch das Schwimmen für die Sportlerin oder den Sportler. Gleichförmigkeit hat sicher auch etwas mit Nachdenklichkeit bis hin zum Meditativen zu tun. So macht es Freude, sich in die von Leanne Shapton selbst gemachten Illustrationen einzufühlen. Aquarelle, die Schwimmer im Wasser zeigen, lassen den Betrachter eintauchen in die besondere Empfindungswelt der wasseraffinen Menschen. Mit einem Grinsen nimmt der Leser auf, wie Leanne Shapton das Tragen von Schwimmanzügen auch spezifischen Schwimmbädern zuordnet. Es scheint eine ungewöhnliche Art der Sinnlichkeit zu sein, die Schwimmer zu pflegen scheinen. Shapton: „Einem guten Schwimmer zuzusehen, ist das visuelle Pendant zum Streicheln eines glatten Hundekopfs – es ist etwas Natürliches, erstaunlich Reizendes und Perfektes … Es ist komisch, dass ich mich hier – inmitten all der halbnackten Erwachsenenkörper – am unbefangensten fühle. Vielleicht erzeugen die Schwimmbrille und die Badekappe eine Art Maskenfreiheit.“ (260) Verbinden Sie das Nacktsein auch mit bestimmten Örtlichkeiten ? Das Buch „Bahnen ziehen“ nimmt den Leser mit in die Welt von Schwimmern. Es lässt eintauchen in diese sehr eigene Art, den Alltag zu verbringen und sich selber zu verstehen. Es bewahrt aber auch ein Geheimnis. Es bleibt die Frage offen, weshalb meist junge Menschen eine Gleichförmigkeit leben, in der es letztendlich um Sieg oder Niederlage bzw. den Kampf um Bestzeiten geht. Leanne Shapton macht das Kachelzählen aber nachvollziehbarer. Bei der nächsten INF-Schwimm-Gala im November werde ich einmal in mich hineinhorchen. Christoph Müller