Schönheit im Alltag

Schönheit, vor allem im Alltag

Roger Scruton wagt eine philosophische Annäherung Von Christoph Müller
Worum geht es eigentlich, wenn wir uns über Schönheit unterhalten oder über Schönheit nachdenken ?

 

Hat die Nachdenklichkeit über das Ästhetische seine Berechtigung in der gelebten Freikörperkultur ?
Oder ist es gar gerechtfertigt, die Gedanken an Schönheit und Ästhetik beiseite zu schieben mit der Begründung,dass das Schöne und Ästhetische am FKK-Strand oder im Naturistenverein fehl am Platze ist ?
Es ist mehr als nötig, das Schöne und Ästhetische mehr in Augenschein zu nehmen. Schliesslich relativieren die gelebte Freikörperkultur und auch das Nachdenken über das Schöne die gängigen Schönheitsideen einer modernen Gesellschaft.


Sie wollen widersprechen ? Versuchen Sie es nicht.
Denn das Buch "Schönheit - Eine Ästhetik", das der Philosoph Roger Scruton geschrieben hat, rückt die Dinge dorthin, wo sie hingehören.
Dies beginnt schon in seinem Vorwort, wenn er schreibt, bei Urteilen über Schönheit gehe es um Geschmacksfragen.
Vielleicht gebe es auch keine vernünftige Grundlage für den Geschmack.
Wer will denn über Geschmack streiten, möglicherweise noch über den persönlichen Geschmack.
Dies lohnt nicht.
Lohnenswert ist jedoch die Lektüre des Buchs "Schönheit - Eine Ästhetik".
Denn der Philosoph Roger Scruton geht dem Phänomen wirklich auf den Grund.
Er rückt dem Phänomen quasi auf die Pelle.
Wenn Scruton die Schönheit im Kontext der "menschlichen Schönheit" anschaut, kommt es natürlich zum Herstellen von Zusammenhängen mit dem sexuellen Begehren. Der Alltag
zeigt, dass die nicht zu vermeiden ist - übrigens auch nicht am Naturistenstrand.
Spannend wird es allerdings, wenn er gerade in diesem Kontext einen Bogen von Schönheit zur Kontemplation zu spannen versucht.
Scruton: "Wer das Gesicht eines alten Mannes betrachtet, das viele interessante Züge und Falten aufweist, mit lebendigen Augen und einem freundlichen und weisen
Gesichtsausdruck, mag dieses Gesicht durchaus als schön beschreiben ...
Das Gesicht des Alten kann für uns voller bedeutung sein, und wenn wir es betrachten, können wir dabei eine Art der Befriedigung empfinden, die aber erwächst aus der kontemplativen Aneignung des Objekts." (63 / 64)

Es stellt sich eher die Frage, inwieweit über die Aneignung des Subjekts gesprochen werden kann.
Schliesslich kann die von Scruton angedeutete kontemplative Aneignung ja immer auch Beziehung herstellen oder eine gewisse Dialektik begründen.
Menschliche Schönheit immer auch mit sexueller Attraktivität oder gar sexuellen Begehren zu denken, erscheint zu kurz gedacht.
Was macht den Menschen denn eigentlich interessant in der Begegnung ? Scrutons Idee von der menschlichen Schönheit bringt er auf den Punkt:
"Die besondere Schönheit des menschlichen Körpers leitet sich von seiner Beschaffenheit als Verkörperung ab.
Seine Schönheit entspricht nicht der Schönheit einer Puppe und lässt sich nicht auf Form und Proportion reduzieren." (71)
Dies erleichtert den einzelnen Menschen.
Genauso wie Scrutons Zuspitzung: "Zwar gibt es im Bereich der menschlichen Schönheit Schwankungen der Mode ..., aber Augen, Mund und Hände haben eine universelle Anziehungskraft.
Denn durch sie treten wir mit der Seele des anderen in Kontakt, durch sie wird sie für uns sichtbar." (72)
Dies wendet den Blick ab von der Makellosigkeit, die das Verständnis der Schönheit immer wieder begleitet zur Alltäglichkeit und Geprägtheit durch das Leben.
In dieser Weise sollte das Schöne und das Ästhetische sicher weitergedacht werden.
In dieser Weise sollte es vor allem von Naturistinnen und Naturisten bedacht werden.
So sehr der nackte Körper am Strand oder im Sport sicher immer auch eine sexuelle Konnotation erleben wird, so sehr sollte die Schönheit und die Ästhetik als Profanes gedacht werden.
Die "Schönheit im Alltag" erscheint gerade in seiner Profanität als etwas Bedenkenswertes.
Denn bei der Schönheit im Alltag geht es um Fragen von praktischer Vernunft, Erscheinung und Stil.
"Stil weist uns auf Betonungen hin, er verteilt Dinge, die einen in den Hintergrund, die anderen in den Vordergrund ...", schreibt Scruton (121).
Inwieweit diese Betonungen akzeptiert werden oder nicht, zeigen Scrutons Andeutungen zur Mode.
Eine Mode leite die ästhetischen Entscheidungen und stelle sicher, dass man damit bei anderen ankomme (122).
Offenbar ist dann die gesellschaftliche Schönheit einem ständigen Wandel unterworfen, während der Schönheitsbegriff in der Interaktion mit Menschen von einer Gleichmütigkeit begleitet wird.
Zueigen machen sollten sich die Naturistinnen und Naturisten diese Gleichmütigkeit.
In der alltäglichen Begegnung wird das Schöne und Ästhetische offenbar.
Der Alltag muss profan sein, keiner Heiligkeit gleich sein.
Damit man zu einer solchen Haltung kommen kann, dazu gibt der Philosoph Roger Scruton in seinem Buch "Schönheit - Eine Ästhetik" eine Menge Anregungen.
Er schafft es, sich sehr umfassend dem Begriff des Schönen zu nähern.
Er thematisiert die "Naturschönheit".
Er macht sich Gedanken über die "Schönheit in der Kunst".
"Geschmack und Eros" sind in seinem Blick.
Dabei ist er geleitet von einem verständnis, das man jeder Leserin und jedem Leser wünscht:
"Jeder Versuch, hier mit dem Ansatz einer Verallgemeinerung zu arbeiten, landet bei völlig vagen Begriffen ...
Aus meiner Sicht gehen all diese Definitionsversuche das Problem vom falschen Ende her an, sie konzentrieren sich auf die Dinge in der Welt und nicht auf eine spezifische Art der Erfahrung dieser Dinge und die Suche nach der Bedeutung,
die aus dieser Erfahrung erwachsen kann." (247)
Nehmen Sie die Gelegenheit wahr, genau auf diese Weise der Schönheit und der Ästhetik näherzukommen.
Roger Scruton ist ein toller Begleiter.


Roger Scruton: Schönheit - Eine Ästhetik, Diederichs-Verlag,
München 2012, ISBN 978-3-424-35068-5, 272 Seiten, Euro.

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