Die Nackten und die Tobenden

Ernst Horst: Die Nackten und die Tobenden
– FKK – Wie der freie Körper zum deutschen
Kult wurde, Blessing-Verlag,
München 2013, ISBN 978-3-89667-478-4,
320 Seiten, 22.99 Euro.

 

Kritisch schaut er in die Vergangenheit.
Nachdenklich stimmen die Gedankenanstöße für
die Gegenwart. Mit dem Buch „Die Nackten und
die Tobenden“ gelingt Ernst Horst eine
hervorragende Seelenbeschreibung der
deutschsprachigen Freikörperkultur, die mehr
ist als eine historische Aufarbeitung der
organisierten Naturisten.

Das Buch
„Die Nackten und die Tobenden“ ist ein
ausgezeichneter Ausgangspunkt für eine
notwendige Selbstverständnisdiskussion und
einen generationsübergreifenden Gedankenaustausch.
Wieso ? Na, weil es sich lohnt, die
Gemeinsamkeiten und Unterschiede vergangener und
gegenwärtiger Zeiten herauszuarbeiten und
Überlegungen anzustellen, wie das eigene Profil
heute aussehen könnte. Oder reicht es den meisten,
sich bürgerlich still und freundlich in den
örtlichen naturistischen Sportvereinen zurückzuziehen?
Schon für die Jahre 1949 bis 1970, mit denen sich
Ernst Horst schwerpunktmäßig in dem Buch
„Die Nackten und die Tobenden“ beschäftigt, stellt
er fest: „Die Freikörperkultur war eine
Nischenbewohnerin, die gerne etwas Größeres sein
wollte.“ (232) Es gibt aber auch viele andere
Erfahrungen, die sich offenbar bis in die Gegenwart
hingezogen haben. Es stellt sich beispielsweise die
Frage, wieso die Naturisten bis in die Gegenwart
bestimmte Reaktionen zeigen: „Bei allen Themen, die
in die Richtung einer auch nur leicht dekadenten Erotik
tendierten, grummelten die Nackten leise oder
enthielten sich der Stimme … Ihr Lichtkleid war nicht
erotisch, sondern anständig, viel anständiger als
jede aufreizende Badebekleidung.“ (237)
Der Freikörperkultur in Österreich und in der Schweiz
schenkt Ernst Horst die Aufmerksamkeit in einem
separaten Kapitel. Für Österreich stellt Ernst Horst
beispielsweise fest: Soweit ich das beurteilen kann,
war in Felix Austria die FKK ähnlich geartet wie beim
nördlichen Nachbarn … Auf dem platten Land bildeten
sich selten FKK-Vereine, da wird die kritische Masse
nicht erreicht und die soziale Kontrolle ist zu stark
…“ (260)
Der Verklärung in der unmittelbaren Begegnung tritt
Ernst Horst mit seiner eindrucksvollen und sachlichen
Studie „Die Nackten und die Tobenden“ entgegen.
Einerseits arbeitet Ernst Horst heraus: „Die FKK war
immer ein Thema, bei dem die Emotionen hochkochten …
Organisierte FKKler waren immer besonders harmlose Bürger,
wenn man von ihrem Alleinstellungsmerkmal einmal absieht.
Sie betrieben ihr Freizeitvergnügen mit Frau und Kindern,
und viele waren sogar Abstinenzler und Vegetarier …“
(19/20) Andererseits wird in dem Buch „Die Nackten und die
Tobenden“ deutlich: „Am allerfaszinierendsten sind die
Kämpfe, die die FKKler untereinander ausfochten …
An sich sollte man ja meinen, dass die Mitglieder einer
kleinen Minderheit, die nach Akzeptanz durch die große
Gesellschaft streben, sich wenigstens untereinander
vertragen würden. Das war aber nicht so …“ (21 / 22)
Beeindruckend erscheint, wie lebendig in der
Vergangenheit wohl die Vielzahl von Publikationen in der
FKK gewesen ist. Dies ist natürlich auch der Nährboden
für so manche inhaltliche Diskussion gewesen, die im Hier
und Jetzt so nicht mehr wahrnehmbar ist. Während heute
über Körpermodifikationen gestritten wird, hat es in der
Vergangenheit Auseinandersetzungen um Ernährung und
Geisteshaltung gegeben. Die Spurensuche von Ernst Horst
bereitet ein großes Lesevergnügen. Schließlich bildet
sich auf diese Weise auch der Mief vergangener Zeiten ab,
dem sich die FKK stellen musste. Ob es die breit
aufgestellte Zeitschriftenlandschaft, die juristischen
Auseinandersetzung um den gelebten Naturismus oder die
Porträtierung führender FKK-Köpfe ist – man erfährt viel
über die Bewegung, der man sich verbunden fühlt.
Das Erfrischende an dem Buch „Die Nackten und die Tobenden“
ist, dass Ernst Horst über unzählige Geschichten versucht,
Geschichte zu erzählen. Es gelingt ihm. Und er schafft noch
etwas anderes, das er bereits im Vorwort ankündigt:
„Dieser Bericht ist eigentlich eine Liebeserklärung …
Es ist so meine Art, dass ich das, was mir gefällt,
auch gerne verspotte.“(9) Solchen Spott kann er noch mehr
über die Freikörperkultur ausschütten.
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