Nackte Männer - Von 1800 bis heute

Tobias G. Natter / Elisabeth Leopold (Hrsg.):
Nackte Männer – Von 1800 bis heute, Hirmer-Verlag,
München 2012, ISBN 978-3-7774-5791-8, 348 Seiten, 39.90 Euro.
Wieso tolerieren wir in der Darstellung der klassischen Antike
die Darstellung nackter Männer ? Wieso scheint es wenig
Widerspruch gegen die nackte Männlichkeit als Repräsentation des
Staates zu geben, wie sie beispielsweise der Nationalsozialismus
gelebt hat ?

Schlüssige Antworten gibt der Ausstellungsband
„Nackte Männer – Von 1800 bis heute“ nicht unbedingt. Doch stellen
die Aufsätze und bildnerischen Darstellungen der Ausstellung
„Nackte Männer – Von 1800 bis heute“, die bis zum 28. Januar 2013
im Wiener Leopold-Museum zu sehen ist, eine konkrete Annäherung an
solche Fragen dar.
Eine Annäherung daran, welche Bedeutung der nackte Mann hat. Wenn
man zum Beispiel Edvard Munchs Bild „Der Kuss“ anschaut, umarmt sich
ein junges und unbekleidetes Paar. Genauso wie Gustav Klimts
„sich umarmendes Paar“ erwecken diese Bilder jedoch keinen Eindruck
von Pornographie. Nein, sie wirken wie Szenen, die sich ständig bei
uns zu Hause ereignen, ohne sich etwas dabei zu denken. Was ist jedoch
das Skandalon, das ein nackter Mann erregt ? Bei dem Ausstellungsband
„Nackte Männer-Von 1800 bis heute“ weiß man eine solche Frage nicht
wirklich zu beantworten. Denn selbst ungewöhnliche Motive drängen sich
nicht in einer Bösartigkeit auf. Die Zumutung wirkt  begrenzt.
Die Fotografien und Gemälde, die Statuen im Ausstellungsband legen eher
die Verwundbarkeit des einzelnen offen. Der nackte Mann wirkt eher
angreifbar, wenn man Anton Koligs Gemälde „Jüngling und Amor“ aus dem
Jahr 1911. Weniger provoziert er ein Kopfkino, wie man es möglicherweise
erwarten würde. Egon Schieles Bild „Prediger“, der verunsichert seinen
Penis betrachtet, offenbart auch eher die Angreifbarkeit des Darstellers.
Die „badenden Knaben“ des Ludwig von Hoffmann signalisieren nicht nur
Unschuld. Sie provozieren mit ihrer Unschuldigkeit eher die Frage, wieso
die Badekultur zu einer umfangreichen Bademode geführt hat.
Wer einer solchen Aussage widersprechen möchte, der hat es nach der
Lektüre und der Durchsicht des Ausstellungskatalogs „Nackte Männer
– Von 1800 bis heute“ schwer. So selbstverständlich männliche Nacktheit
in diesem Band erscheint, so fundiert versuchen die Autorinnen und Autoren
des Buchs auch die dargestellten Motive inhaltlich und historisch einzuordnen.
Während im Kapitel „Die Kraft der Vernunft“ die männliche Nacktheit in
Klassizismus und Aufklärung beschrieben wird, werden beispielsweise
„Helden als kulturelles Muster“ sowie „das antike Ideal“ als
„Maßstab und Projektion“ dargestellt. Im Kapitel „Klassische Moderne“ geht es
um das „Beisammensein im Bade“ und „Geschlechterkampf und Verweigerung“.
Das Kapitel „Nach 1945“ setzt dann noch einmal besondere Akzente, denen man
sich als Mensch der Gegenwart natürlich nahe fühlt.
Der Ausstellungskatalog „Nackte Männer – Von 1800 bis heute“ holt die
Nacktheit des Mannes ins Rampenlicht. Dies ist gut so. Denn Nacktsein
verdient diese Form der Seriosität.
Christoph Müller