Enthüllte Brüste als Inikator für Freiheit

„Enthüllte Brüste als Indikator für Freiheit“
Kulturwissenschaftlerin Sanyal zur weiblichen Vulva
Sie nennt das eigene Buch „eine kleine Kulturgeschichte des Abendlandes – allerdings anhand der Darstellung des weiblichen Genitals in Alltag, Folklore, Medizin, Mythologie, Literatur und Kunst“ (S.7). Die Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal wirft einen konzentrierten Blick auf die weibliche Vulva. Wie man es von einer zeitgenössischen Autorin erwartet, so bricht sie mit dem einen oder anderen Tabu. „Es ist der Versuch, die kulturelle Bedeutung des weiblichen Genitals zu rekonstruieren und die Anstrengungen sichtbar zu machen, die unternommen werden mussten, um die Vulva zu verdrängen, da an ihrer Präsentation der Kampf um die Definitionsgewalt über den weiblichen Körper ausgetragen wurde“, schreibt Sanyal.


Es erschreckt schon, wenn Sanyal berichtet, dass es historisch Vorstellungen gegeben habe, der Teufel wolle mit der weiblichen Vulva nichts zu tun haben. Bis in die Gegenwart halten sich wohl Vorstellungen, dass beim Gespräch über die Genitalien auf den Bereich des Hyperprivaten verwiesen werde. Egal wie positiv sich Eltern äußern mögen, so bleibe der Vulva stets eine Aura von Geheimnis und Versteck, schreibt Sanyal über die Sozialisation von jungen Frauen.
Mit Gelassenheit und Heiterkeit haben die historischen Aufarbeitungen Sanyals kaum etwas zu tun. In verschiedenen Mythologien und Religiösitäten ist der Gedanke an die weibliche Vulva mit Schmutz und Entwertung in Verbindung gebracht worden. Konkret schreibt Sanyal: „Um die Entwertung der weiblichen Genitalien absolut zu machen, wurde infrage gestellt, ob Frauen mit dem, was sie zwischen den Beinen hatten, überhaupt in den Himmel aufsteigen konnten.“ (S. 53).
Es macht sicher wenig Sinn, mit Überlegenheit und einem diffamierenden Finger auf die Vorstellungen früherer Zeiten zu blicken. Vielmehr steht die Frage im Raum, ob diese Ideen in gewandelter Form noch heute präsent sind.
Für die Anhängerinnen und Anhänger der Freikörperkultur ist es sicher interessant, über den Begriff der Enthüllung zu disputieren. Enthüllung, vor allem weibliche Enthüllung sei zentraler Teil eines Diskurses gewesen, der konträr zur herrschenden Ordnung verlaufe, stellt Sanyal fest. Der Enthüllungsgrad der Brüste der französischen Marianne war ein guter Indikator dafür, wie frei oder unfrei die Gesetze allgemein waren.
Offensichtlich erscheint bei einer solchen Bemerkung der Bezug zur Gegenwart. Es kann Sanyal und letzthin auch dem Leser nicht um eine objektive und neutrale Auseinandersetzung mit der weiblichen Vulva gehen. Denn ein Blick in die Kunstgeschichte lässt erkennen, dass eine dramatisierte und exponierte Darstellung einer entblößten Vulva zum Nachdenken anregt.
Sanyal geht es mit dem Buch darum, die Vulva aus dem Raum des Geheimnisvollen, des Dreckigen und des Unbeschreibbaren hervorzuholen. Schließlich gehört sie zum Leben, vor allem zum weiblichen Leben. Am Ende wünscht sie sich eine ähnliche Schrift zum Penis. Gut so.
Mithu M. Sanyal: Vulva – Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2017, ISBN 978-3-8031-2769-3, 252 Seiten, 14.90 Euro.

 

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