Von der Komik des Obszönen und der Obszönität des Komischen

„Von der Komik des Obszönen und der Obszönität des Komischen“
Der männliche Penis unter der Lupe
Dem Germanisten und Religionswissenschaftler Gerhard Staguhn ist für ein Vermögen unbedingt zu danken. Er hat mit einer bewundernswerten Unaufgeregtheit und mit viel Humor den männlichen Penis unter die Lupe genommen. Das männliche Genital sorgt auch unter Naturistinnen und Naturisten immer einmal wieder für Aufregung und Verkrampfungen. Nach der Lektüre von Staguhns Buch „Der Penis-Komplex“ gibt es dafür keine Gelegenheit mehr.


Denn Staguhn gelingt es, Männer, die stolz auf einem Thron des Erhabenen sitzen, etwas vom Sockel zu stoßen. Staguhn stellt beispielsweise fest, dass Ausdrücke überwiegten, „in denen eine primitive männliche Selbstüberschätzung, bei gleichzeitiger Geringschätzung der Frau und ihrer Genitalien, zum Ausdruck kommt“ (S. 124). Männer seien die alleinigen Schöpfer und Benutzer eines obszönen Sexualwortschatzes, der fast ausnahmslos diene, „die Frau als ein sexuelles Negativum darzustellen“ (S.125).
Diese Feststellungen können für den nachdenklichen Naturisten und die kritische Naturistin Ermutigung sein, über Gender-Aspekte in der Freikörperkultur zu sinnieren. Denn bei aller Rhetorik, dass sich Naturistinnen und Naturisten bloß in die Augen schauen, bleiben engagierte Anhängerinnen und Anhänger der Freikörperkultur doch Frauen und Männer. Oder sind es die biologischen Überlegungen Staguhns, die auch der Naturistin oder dem Naturisten aus dem tiefsten Inneren sprechen?
Staguhn schreibt über „Stolz und Komik der Erektion“. Er fragt, woher es komme, „dass ein nackter Mann, der stehenden Glieds im Raum steht, bei allem erektilen Begattungsernst einer gewissen Komik nicht entbehre“ (S. 59). Der Mann wirke am komischsten, wenn er mit Erektion einen Raum durchquere. Der Mann trage seinen Phallus wie eine Pflugschar vor sich her. Staguhn lächelt dem Leser, der Leserin quasi entgegen, schreibt von der Komik des Obszönen und der Obszönität des Komischen.
Gibt Staguhn den Mann und seinen Penis damit der Lächerlichkeit preis? Ihm dies zu unterstellen, würde sicher auch dem Autoren Staguhn die Ernsthaftigkeit abzusprechen. Vielmehr fordert er zu einem Sinneswandel auf. Dem oder der FKK-Begeisterten könnte es Anstoß sein, mit einer gewissen Heiterkeit am Nacktbadestrand zu hocken. Es sei schon bemerkenswert, so Staguhn, „dass sich ein und derselbe Körperteil von dem Moment an nicht mehr öffentlich zeigen darf, da er ein paar Zentimeter größer wird und sich dabei aufrichtet“ (S. 60). Staguhn thematisiert erigierte Penisse in der Sauna und am FKK-Strand. Es werde so getan, als mutiere der Mann zu einem Schrecken. Frauen seien hingegen fein heraus. Frauen könnten eine mögliche Obszönität verheimlichen.
Es ist eine große Freude, Staguhns „Penis-Komplex“ zu lesen. Er schafft es, dass mit einer neuen Brille auf den Penis geschaut wird. Er nimmt ihm die Reduzierung auf die Sexualfunktion und auf die Blasenentleerung. Die Bedeutung des männlichen Genitals in biblischen Geschichten bringt er zur Sprache, auch die biologische Penis-Genese. Dass er in der Kunstgeschichte von Bedeutung ist, stellt Staguhn nicht als erster fest. Er schreibt über Penetrations-Phobien und den pornografischen Penis, aber auch über den künstlichen und impotenten Penis.
Staguhn öffnet gedankliche Weiten, die auch Naturistinnen und Naturisten gut tun. Er greift das Faszinosum wie die Mythen um den männlichen Penis auf und regt zu Diskussionen an. Nun denn.
Gerhard Staguhn: Der Penis-Komplex – Eine Analyse: biologisch, geschichtlich, psychologisch, persönlich, Verlag zu Klampen, Springe 2017, ISBN 978-3-86674-546-9, 336 Seiten, 24.80 Euro.

 

 

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